899: Versteht Russland sich selbst ?

Der Russland-Experte Gerd Koenen, der seine politischen Ursprünge in den West-Berliner K-Gruppen der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte, seziert das Meinungsklima und die Stimmungen in Russland (Die Zeit 19.3.15). Er kommt zu prägnanten Aussagen.

„Dass der Westen Russland nicht versteht, mag sein. Aber versteht Russland sich selbst? Oder ist nicht vielmehr sein Kardinalproblem, dass es weder in der Lage noch dazu bereit ist, dem ins Gesicht zu schauen, was es sich zu einem großen Teil selbst angetan hat, und wirklich zu verstehen, was die Gründe seines erneuten, ureigenen Scheiterns gewesen sind? Stattdessen wird wieder fanatisch nach äußeren Feinden und deren inneren Agenten und ‚fünften Kolonnen‘ gefahndet.

Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat das postsowjetische Russland keine eigene zivile Industriebasis mit den dazugehörigen technologischen und wissenschaftlichen Ressourcen zu erhalten oder neu zu begründen vermocht. Das ist der fundamentale Unterschied gegenüber der zweiten Hauptmacht des ehemaligen Weltkommunismus, der Volksrepublik China – an die Putin sein Restimperium unter dem Druck der westlichen Sanktionen jetzt durch einen vermeintlich triumphalen, womöglich aber ruinösen Pipeline-Vertrag angekoppelt hat. Wenn Russland von irgeneiner Seite in seinem Bestand gefährdet wäre, dann wohl am ehesten von einem schleichenden ‚friendly takeover‘ durch China. …“

Von Gerd Koenen ist erschienen

„Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900-1945.“.

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