898: Was Heidegger wollte

Manchmal wundere ich mich darüber, dass von dem Nazi und Antisemiten Martin Heidegger so viel Aufhebens gemacht wird. Wenn seine Philosophie u.a. diese Ergebnisse brachte, was sollte sie dann wert sein? Die „Schwarzen Hefte“ belegen doch nur, wie weit sein Antisemitismus ging.

Nun hat der Hamburger Philosoph Manfred Geier, von dem die rororo-Monografie Heidegger stammt, in der SZ (16.4.15) den m.E. gelungenen Versuch unternommen, Heidegger zu erklären. Er schreibt verständlich und nachvollziehbar.

„Worum geht es eigentlich? … Es ging, für Heidegger, um die Grundfrage der Metaphysik. Sie beherrschte, was er zu denken versuchte und wogegen er sich richtete. Seine metaphysische Intention, die sich auf das Sein konzentrierte und den ‚Vorrang des Seienden‘ zurückdrängte, motivierte seine Angriffe

gegen

die empirischen Wissenschaften, die Technik, die mathematische Logik, die Aufklärung, die instrumentelle Vernunft und, an wenigen Stellen, auch gegen das Judentum.

Denn sie alle, so Heidegger, rechnen nur mit dem Seienden, aber verfehlen die ‚Wahrheit des Seins‘. Der ‚Fall Heidegger‘ ist eine Folge seiner Metaphysik, die zwischen 1929 und 1935 das Zentrum seines Denkens bildete. Nur so sind viele seiner Angriffe und Ressentiments zu verstehen. …

Es gab zwei ‚Grundstimmungen‘, in denen sich Heidegger zeigte, woraufhin er zielte: zum einen die fahle Stimmung einer alles erfassenden, tiefen

Gleichgültigkeit,

die an nichts mehr hängt und zu nichts mehr drängt; zum anderen eine abgründige

Angst,

die alles affiziert und ins Nichts zu ziehen droht. Heidegger beantwortete seine Frage ‚Was ist Metaphysik?‘ also nicht theoretisch, auch nicht philosophiegeschichtlich. Er gab ihr eine eigenwillige existenzielle Wende, die tief greifende Gestimmtheiten evozierte und dafür eine rauschartige Sprache fand. …

Es war keine rassistische oder antisemitische Grundhaltung, keine menschenverachtende Gewaltfantasie, kein kriegerischer Eroberungswillen und kein fremdenfeindliches Hassgefühl, die Heidegger charakterisierten und die ihn zum Nationalsozialisten werden ließen. Stattdessen versuchte er mit seinem Wirken und seinem Werk, vor allem von 1929 bis 1935, ein metaphysisches Denken zu praktizieren, das aus menschlichen Grundstimmungen seine Energie bezog. Davon kann man immer noch fasziniert sein; man hat es mit keiner akademischen Philosophie zu tun, sondern mit einem geistigen Abenteuer und einer existenziellen Herausforderung. Dass damit Martin Heidegger selbst zu seiner Zeit in die Falle des Nationalsozialismus geriet, ist sein großer Irrtum, der erschreckend bleibt. Jedenfalls kann man an seinem Fall lernen, dass ganzheitliche Stimmungen in metaphysischer Hinsicht keine guten Ratgeber sind, wenn es um die politische Lösung konkreter Probleme geht, damals wie heute.“

Als Nazi und Antisemit und Ganzheitlichkeits-Guru ist Heidegger scharf abzulehnen.

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