Seit der Vertreibung der Juden aus Palästina im Jahr 70 waren die Länder Europas knapp 2000 Jahre lang die Heimat der meisten Juden. Durchgängig wurden sie verfolgt. Vielfach ermordet. Der christliche Antijudaismus wurde ergänzt vom rassistischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Schlimmer noch als die Pogrome des Mittelalters war der „aufgeklärte“ Antisemitismus der Neuzeit. Mit dem Höhepunkt des von Deutschen geplanten, organisierten und durchgeführten Holocaust (Shoah) mit über 6 Millionen Toten. Danach erklärte Leo Baeck, der einstige Mentor der Juden in Deutschland, als er das KZ überlebt hatte, die über 1000-jährige Geschichte der Juden in Deutschland für beendet. Er hatte sich getäuscht. Aber dass so prominente Juden wie Herbert Weichmann, der spätere Hamburger Bürgermeister, oder Arnold Zweig, der Autor des „Sergeanten Grischa“, nach 1945 nach Deutschland zurückkamen, der eine in die Bundesrepublik, der andere in die DDR, blieb die Ausnahme.
Der Journalist Theodor Herzl, der für die Wiener „Neue Freie Presse“ schrieb, war es gewesen, der auf Grund seiner Erfahrungen ab 1894 aus dem Spionage-Prozess gegen den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus „Der Judenstaat“ schrieb, mit dem er den Zionismus begründete, die Idee, dass die Juden für ein gesichertes, friedliches Leben einen eigenen Staat brauchten. Von dem Dreyfus-Prozess berichtete auch Theodor Wolff für das „Berliner Tageblatt“, dessen späterer Chefredakteur er wurde. Nach ihm ist heute der wichtigste deutsche Journalistenpreis benannt. Der nach Frankreich emigrierte Wolff wurde wurde 1944 von deutschen Soldaten an der Cote d‘ Azur verhaftet und im KZ ermordet.
Der Dreyfus-Prozess, in dem der unschuldige französische Hauptmann aus antisemitischen Motiven falsch beschuldigt wurde, war für Emile Zola der Grund für seinen berühmten Aufsatz „J’accuse“, in dem er die französische Gesellschaft des Antisemitismus bezichtigte (vgl. z.B. Fabian Scharf: Emile Zola: De l’Utopisme a l’Utopie (1898-1903). Paris/Honoré Champion Editeur/ 2011, 616 S.). Damit fundierte Zola die Kaste der europäischen Intellektuellen, die sich vielfach dadurch unbeliebt macht, dass sie sich einmischt und die politische Klasse kritisiert.
Für Herzl gab es den bedrohlichsten Antisemitismus in Russland, wo das zaristische Regime den Judenhass systematisch förderte. Zu großen Teilen wanderten russische Juden aus. Nicht zuletzt in die USA. Nach 1945 ging die Liquidierung der europäischen Juden weiter. Die durch den Holocaust schon millionenfach dezimierten polnischen Juden flohen vor dem Antisemitismus häufig ausgerechnet nach Deutschland, wo sie als „Displaced Persons“ lebten und ihre Ausreise nach Nordamerika vorbereiteten, soweit sie dort willkommen waren.
Mit dem Ende des real existierenden Sozialismus und der UdSSR ergab sich eine weitere große Wanderung von Juden. Nicht zuletzt nach Deutschland. Juden zogen sich aus Russland und Polen zurück. Heute werden sie zudem in Ungarn stark bedroht. Manchmal erscheint paradoxerweise Deutschland als Insel der Geborgenheit für Juden. Auch aus Israel. Gegenwärtig sollen etwa 20.000 junge Israelis in Berlin wohnen. Sie beleben nicht zuletzt das kulturelle und literarische Leben und die politischen Diskurse.
Erweitert hat sich der klassische europäische Antisemitismus (wie gesehen: Deutschland, Russland, Polen, Frankreich, Ungarn etc.) durch den islamischen Antisemitismus und den internationalen Terrorismus. Der geht bekanntlich über Leichen. Zuletzt in Paris und Kopenhagen. Gewachsen ist der Antisemitismus auch durch das israelische Eingreifen im Gazakrieg 2014. Dadurch trauen sich viele Antisemiten anscheinend, sich offen judenfeindlich zu äußern. Es ist kein Wunder, dass es viele Juden in Europa allmählich wieder mit der Angst zu tun bekommen. Das konzediert selbst der Chefredakteur der „Jewish Voice of Germany“, Rafael Seligmann (Die Zeit 12.2.15). Verlassen die Juden Europa?