Hans Blumenberg, der deutsche Philosoph, unternimmt es, in einer scharfen Kritik Sigmund Freud und Hannah Arendt zu verurteilen. In seinem aus dem Nachlass herausgegebenen Buch
„Rigorismus der Wahrheit“. „Moses der Ägypter“ und weitere Texte zu Freud und Arendt. Berlin (Suhrkamp) 2015, 133 S., 14 Euro,
parallelisiert er Freuds
Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen. 1939
und Arendts
Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. 1962.
Freud hatte kurz vor seinem Tod den Charakter des Judentums vor dem Hintergrund seiner psychanalytischen Deutung des Phänomens Religion herausarbeiten wollen. Er machte Moses zum hohen ägyptischen Beamten, der dem jüdischen Volk in strenger Wüstenerziehung einen strikten Monotheismus auferlegt habe. Eine Geschichte, die mit der Tötung des Moses durch die Juden nicht etwa endet, sondern erst wirklich beginnt. Denn erst dieser Mord sorgte dafür, dass der Mechanismus von Verdrängung, Latenz und Wiederkehr ausgelöst wurde, den Freud im Innersten aller Religionen am Werke sehen wollte.
Auf jüdische Gefühle hat Freud anscheinend kaum Rücksicht genommen. Und Blumenberg wirft ihm vor, er habe sein Buch im „falschesten Augenblick“ publiziert, nämlich „auf dem Höhepunkt von Hitlers Macht“. Dies sei Ausdruck des Narzissmus eines Autors, der, seinen nahen Tod vor Augen, sich bloß noch um seine eigenen Angelegenheiten sorgte und nicht um die seines Volkes.
Hannah Arendt wirft Blumenberg vor, dass sie nicht gesehen habe, dass der Prozess gegen Adolf Eichmann 1960/61 kein übliches, nach juristischen Normen ablaufendes Verfahren gewesen sei. Vielmehr sei das Verfahren singulär gewesen und das als Staatsakt vollzogene Todesurteil über einen der Organisatoren des Genozids habe der Begründung eines „Nationalmythos“ in Israel gedient. An diese mythische Notwendigkeit reiche kein universaler Moralismus und keine soziologische Analyse heran. Nie hätte Arendt dieses Buch schreiben dürfen. Arendt habe mit dem Zionismus abrechnen wollen. Hans Blumenberg demgegenüber tritt dem israelischen Nationalmythos bedingungslos zu Seite. Eichmann hätte nie als Hanswurst dargestellt werden dürfen, selbst wenn er das – jenseits seiner Vertretungsfunktion als Feind schlechthin – sogar gewesen wäre (Helmut Mayer, FAZ 7.2.15).
Sigmund Freud und Hannah Arendt waren eben Rigoristen der Wahrheit und keine Propagandisten.