835: Enzensbergers „Tumult“

Angeblich auf Grund eines zufälligen Kellerfunds gelangen wir an Hans Magnus Enzensbergers (geb. 1929)

Tumult. Berlin (Suhrkamp) 2014, 287 Seiten.

Es ist der wahrhaft vielfältige Rückblick eines frei schwebenden Intellektuellen auf die bewegten Jahre 1963 bis 1973. Im Zentrum streiten sich der junge und der alte Enzensberger (S. 109-241). Dabei kommt etwa die Kuba-Affäre (1968/69) zur Sprache. Enzensberger hat sich als Essayist nie auf einen Standpunkt oder eine Ideologie festlegen lassen, wie schon in seinem bekannten Disput mit Peter Weiss zum Ausdruck kam. Das Buch ist hochinteressant, weil sich der Autor nicht scheut, auch Klatsch und Privates zu besprechen.

Zunächst war uns der Schriftsteller mit Gedichten in der

„Verteidigung der Wölfe“ (1957)

gekommen. Dann besprach er die

„Bewusstseinsindustrie“ sowie den „Journalismus als Eiertanz“ (1962) und installierte seinen

„Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970) (im Gefolge Walter Benjamins).

Um 1991 Saddam Hussein als

„Hitlers Wiedergänger“

zu entlarven. Damit war er bei der politischen Linken unmöglich geworden, was er in seinem neuen Buch an vielen Beispielen bekräftigt. Heute kritisiert der Dichter Europa. Weil er es verbessert sehen möchte. Aber darüber geht Enzensberger weit hinaus, wenn er beispielsweise von seinen Begegnungen mit den Dichterinnen

Lilja Brik

oder

Nelly Sachs

berichtet.

Deutschland stellt er kein so arg schlechtes Zeugnis aus, wo er im Kapitel „Danach (1970ff.)“ auf S. 243 schreibt:

„Denn zu meiner Überraschung zeigte sich, dass unser wüstes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren. Der Kuppeleiparagraph und der § 175 wurden abgeschafft. Gegen den hinhaltenden Widerstand des Obrigkeitstsstaates setzten sich lässige Verkehrsformen durch. Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation.“

Nun denn!

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