Der große französische Romancier Michel Houllebecq steht wieder einmal im Mittelpunkt einer literarischen Affäre. Ihm wird vorgeworfen, mit seinem neuen Roman
„Unterwerfung“ Köln (Dumont) 2015, 278 S., 22,99 Euro,
die Mordanschläge von Paris zu rechtfertigen. Aber davon kann keine Rede sein. Allerdings ist die Beurteilung der literarischen Lage dieses Mal schwieriger als in allen anderen Fällen, in die Houllebecq verwickelt war. Die Kampagne für sein Buch hat der Schriftsteller abgebrochen, dem ansonsten einiges zuzutrauen wäre, was Werbung und Promotion angeht. Michel Houllebecq ist auch nicht im Untergrund oder steht unter Polizeischutz (Thomas Steinfeld, SZ 9.1.15), wie schon ein paar mal, sondern er trauert um seinen Freund Bernard Maris, der von den Mördern umgebracht worden ist (Jürg Altwegg, FAZ 10.1.15).
Michel Houllebecq zu verstehen, ist nicht ganz einfach. Denn sehr häufig setzt er die Mittel der Satire und der Persiflage ein. Und er setzt sie ein zur Kritik der modernen Gesellschaft, deren vordergründigen Materialismus und deren Geistlosigkeit er verachtet. Er misstraut dem Westen. In seinem Roman haben sich die Sozialisten und die ehemals gaullistische Partei 2022 mit gemäßigten Muslimen verbündet, um den „Front Nationale“ zu verhindern. Ein muslimischer Ministerpräsident wird gewählt. Damit ziehen Familie, Moral, Patriarchat und die Zurücksetzung von Frauen wieder in die Gesellschaft ein, wo sie lange gefehlt haben. Ein klare Provokation des großen Provokateurs Houllebecq für die freie Gesellschaft, für das liberale Milieu. Europa geht nicht am Islam, sondern an sich selbst zugrunde. Und es hat seinen Untergang verdient (Iris Radisch „Die Zeit“ 8.1.15).
Michel Houllebecq schreibt eben ganz anders als die eingeführten Massenmedien. Er spricht Tabus an. Das ganze Buch ist ein Tabu. Aber der französische Ministerpräsident Manuel Valls hatte Houllebecq missverstanden, als er sagte: „Houllebecque ist nicht Frankreich.“ Houllebecque ist ein scharfer Frankreich-Kritiker, der sich nicht scheut, der französischen Gesellschaft seine Missachtung zu zeigen. Ein wenig erinnert Houllebecques Buch manchmal an Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlands“ (Cord Riechelmann, FAS 11.1.15).
„Es geht gar nicht um den Islam. Es geht darum, dass die aufgeklärte Demokratie keine Anhänger mehr hat – oder nur noch ein paar versprengte, die sich, wie Houllebecq am Beispiel des universitären Milieus genüsslich ausbreitet, mit vorauseilendem Opportunismus anpassen.“ (Jens Jessen „Die Zeit“ 8.1.15) Was die eigene Meinung des Autors ist, erfährt man nicht, weil er sich jederzeit auf die prekäre Situation seiner Romanfiguren zurückziehen kann. Ein unerlaubtes Verfahren? Aber es bringt den gesellschaftlichen Diskurs ganz schön zum Tanzen! Volker Weidermann schreibt, dass der Autor immer gerade dort steht, wo seine Figuren stehen (Volker Weidermann, FAS 11.1.15).
Für Tilman Krause macht sich Houllebecq den Jux, aktuelle Deabatten zu berühren, indem er sie mit einem Höchstmaß an Verletzung gängiger Denkverbote munter durcheinanderwirbelt. Am Ende schreibt Krause, dass Houllebecqs Utopie regressive und pubertäre Züge trage. „Auch darin bleibt Houllebecq sich treu. Seine Bücher sind immer auch krude Männerfantasien. Doch wie er sie hier amalgamiert mit Scherz, Satire, Ironie im Hinblick auf Frankreichs Zustände, um all dem die tiefere Bedeutung einer Erlösungsfantasie zu geben, das macht ‚Unterwerfung‘ zu einem grandiosen Buch.“ (Tilman Krause, Literarische Welt 10.1.15)