Der klügste Theoretiker, den die SPD in ihrer Frühphase hatte, war Eduard Bernstein (1850-1932) aus Hannover. Trotzdem ist er in der SPD unbeliebt bis heute. Er führte Tatsachen gegen liebgewonnene Glaubenssätze ins Feld. Im Londoner Exil hatte er britischen Pragmatismus kennengelernt. Bernstein brach mit der These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus und betonte den Wert der Demokratie. Schon vor 1914 wandte er sich gegen die deutsche Rüstungspolitik, die mit zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt hat.
Bernstein formulierte unmissverständlich: „Ein Irrtum wird dadurch nicht der Forterhaltung wert, dass Marx und Engels ihn einmal geteilt haben.“ Er widerlegte die „Verelendungstheorie“, wonach durch den kapitalistischen Konzentrationsprozess immer weitere Teile der Arbeiterklasse unter das Existenzminimum fallen. Sein berühmtester Satz ist: „Das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nennt, ist mir nichts, die Bewegung alles.“ Eduard Bernstein trat für Reformen ein, u.a. für ein allgemeines und gleiches Wahlrecht. Er befürwortete die Vergesellschaftung von Monopolbetrieben.
In seiner zentralen Schrift „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ (1899) begründete er die Revision der Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels, den
Revisionismus.
Er ist heute noch in der SPD unbeliebt. Seinerzeit bedeutete er einen Angriff auf das Zentrum der Partei um August Bebel und Karl Kautsky,
den Zentrismus,
der sich wortradikal gebärdete, aber Reformpolitik betrieb. Außerdem war die Schrift Bernsteins eine Ablehnung der radikalen
Linken
um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die 1919 von Einheiten der Reichswehr ermordet worden sind. Zu „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratei“ schrieb der Reichstagsabgeordnete Ignaz Auer kollegial an Eduard Bernstein: „Mein lieber Ede, das, was Du verlangst, so etwas beschließt man nicht, so etwas sagt man nicht, so etwas tut man.“
Die SPD übernahm nach 1918 praktische Regierungsverantwortung. Sie stimmte 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz und bewährte sich als Partei der Freiheit. 1959 im Godesberger Programm versöhnte sie sich mit der Marktwirtschaft. Und mit der Agenda 2010 setzte sie Reformen durch, die Deutschland nützen. Manchmal spricht sie nicht selbstbewusst genug davon. Sie sollte sich mehr an Eduard Bernstein orientieren.