690: Mütter, Töchter und die Bundeskanzlerin

Die Londoner Psychoanalytikerin Susie Orbach, 67, forscht seit Jahrzehnten über das Verhältnis von Müttern und Töchtern, ein hochinteressantes und -relevantes Gebiet. Patrick Bauer hat sie für das SZ-Magazin interviewt (10.10.14).

SZ-Mag: Das klingt fast, als seien Mütter für ihre Töchter eine Gefahr.

Orbach: Natürlich nicht, Mütter sind ja zunächst der größte Schutz für ihre Töchter. Und es gibt viele Mütter, die ein Leben lang ein wunderbares Verhältnis zu ihren Töchtern haben. Aber was stimmt: eine Mutter muss extrem aufpassen, sich nicht selbst in ihrer Tochter zu sehen. Die Identifikation mit der Tochter ist natürlich sehr groß. Und es ist ja nicht nur das Echo der eigenen Kindheit, das eine Mutter in der Erziehung beeinflusst, sondern auch die Erfahrung, als Frau in unserer Gesellschaft aufgewachsen zu sein. Denken Sie an die Sexualität. Wenn ein kleines Mädchen sich an die Genitalien fasst, ist das für viele Mütter ein Warnsignal. Weil viele es nicht für selbstverständlich halten, dass sie genauso wie Männer masturbieren. Weibliche Lust gilt als etwas Bedrohliches. Kleine Jungs fassen sich in einem gewissen Alter ständig zwischen die Beine. Dann schmunzeln wir. Wir würden umgekehrt aber nie sagen: „Super, meine Tochter hat ihre Klitoris entdeckt.“

SZ-Mag: Wenn es die Identifikation ist, die das Mutter-Tochter-Verhältnis so besonders und schwierig macht, dann müsste es doch zwischen Vätern und Söhnen ähnlich sein.

Orbach: Theoretisch schon. Aber es hat meiner Meinung nach einen ganz banalen Grund, warum die Rolle des Vaters in der Regel weniger bedeutend ist: Er ist nicht da. …

SZ-Mag: Feminismus fängt also immer wieder von vorne an?

Orbach: Leider ja, tut mir leid. Jetzt, wo es jungen Frauen einfacher gemacht wird, beruflich erfolgreich zu sein, sehen wir, dass zu Hause in der Beziehung noch  lange nicht alles geregelt ist. Berufstätige Frauen machen trotzdem mehr im Haushalt, kümmern sich im Zweifel trotzdem um das Kind, wenn es krank ist, nehmen eine längere Auszeit. Das sind doch keine Naturgesetze! Und so geben Mütter an ihre Töchter wieder Rollen weiter, die längst vergessen sein könnten.

SZ-Mag: Was raten Sie Müttern?

Orbach: Entspannt euch! Und reflektiert trotzdem jeden Tag euer Verhalten gegenüber euren Töchtern. Es ist nun mal so: Mütter müssen mehr als Väter aufpassen, was sie tun und sagen. Die Mutter kann so viel geben und so viel nehmen. Deswegen gilt sie ja entweder als Heilige oder als Hure. Oder als Kanzlerin.

SZ-Mag: Als Kanzlerin?

Orbach: Angela Merkel wird doch bei Ihnen in Deutschland „Mutti der Nation“ genannt. Das sagt alles über unseren Blick auf Mütter. Eine Mutter hat Macht, sie hat die Kontrolle, wir folgen ihr, wir müssen ihr folgen. Sie ist auch streng, viele Entscheidungen gefallen uns nicht. Aber am Ende lieben wir sie. Und wählen sie.

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