Eine Stärke des deutschen Bildungssystems besteht in der dualen beruflichen Bildung, wo Berufsschullehrer und Handwerksmeister bisher eine gute Ausbildung gewährleisten, um die wir von unseren Nachbarn beneidet werden. Sie hat sich als flexibel erwiesen, wenn neue Techniken auf den Weg gekommen sind. Für viele von uns ist das so selbstverständlich, dass wir es fast gar nicht mehr aussprechen. Das muss sich möglicherweise ändern, weil die duale Bildung gefährdet ist. Nicht nur von der EU, sondern auch von denen, die überhaupt glauben, dass es für junge Leute nicht gut ist, wenn sie viel wissen und können. Hier weiß ich es nun besser.
Eine Gefahrenquelle ist der von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgehende Akademisierungswahn. Die OECD verlangt allen Ernstes eine Abiturientenquote von 80 Prozent. Dass die dabei herauskommenden Abiturienten dann nicht mehr die gleiche Qualität haben wie die vor 50 Jahren, liegt auf der Hand. Die OECD-Forderung ist grober Unfug.
Bisher ist der Abiturienten-Status damit verbunden, dass diejenigen, die ihn erreicht haben
1. die Hochschulreife besitzen und
2. potentielle Führungskräfte sind und keine Sachbearbeiter.
Das gilt zwar heute schon nicht mehr überall. Wir sollten aber bestrebt sein, den alten Abiturs-Standard wieder zu erreichen. Das wäre besser für die Ausbildung und die Volkswirtschaft. Also: Weg mit G 8, Beibehaltung des Meisterbriefs, Eindämmung der Schäden durch Bachelor- und Masterabschlüsse, bessere Verträge für den wissenschaftlichen Nachwuchs, in der Grundschule und auf dem Gymnasium Rückkehr zu den alten Standards (z.B. Rechtschreibung und Zeichensetzung) etc.
Viele der zahlreichen Bildungsreformen der letzten Jahre sind anscheinend von Bürokraten ausgedacht worden, die kein Verständnis für Bildungsprozesse haben, sondern Curriculums-Mechaniker sind, Formalisten, welche die Bildung (die duale berufliche und die wissenschaftliche) gefährden.
Julian Nida-Rümelin, der Professor für Philosophie in Göttingen war, hat ein Buch geschrieben mit dem Titel
Der Akademisierungswahn. (Edition Körber-Stiftung 2014, 16,00 Euro).
Er führt alle Fehler auf, die bei einer hemmungslosen und sinnlosen Akademisierung passieren, und fordert eine Rückbesinnung auf die handwerkliche Ausbildung. „Die Akademisierung der beruflichen Bildung ist in der Regel mit einem Qualitätsverlust und nicht mit einem Qualitätsgewinn verbunden.“ „Sollte der Trend zum Wechsel an die Gymnasien und zum zweiten Bildungsweg weiter anhalten, dann müsste den Universitäten die Möglichkeit zugestanden werden, mit Eignungsprüfungen den Zustand stärker zu regulieren.“
Nida-Rümelin, der als Sozialdemokrat ein Jahr Bildungsstaatsekretär unter Gerhard Schröder und Kulturreferent in München war, plädiert für ein Bildungssystem, das sich nicht einfach den Gesetzen des Marktes unterwirft, sondern die Normen, Werte und Bildungsinhalte vermittelt, die nicht lediglich Instrumente der Optimierung auf dem Arbeitsmarkt sind.
Er hat Recht.
Vermutlich muss er sich solche Vorwürfe gefallen lassen wie, er sei ein Gegner von Einheitsschulen, Verfechter des klassischen dreigliedrigen Schulsystems und fordere mehr Anerkennung für handwerklich-technische Bildung (Anna Lehmann, taz 8.10.14). Solche Vorwürfe kenne ich seit Jahrzehnten. Auch wird uns stets vorgeworfen, wir plädierten für die Privilegien des „Bildungsbürgertums“. Das „Bildungsbürgertum“ kann ja nichts dafür, wenn andere den Wert von Bildung nicht erkennen. Auch auf diese Weise kommt die hohe „soziale Selektivität“ in unserem Bildungssystem zustande.
Als jemand, der nach dem Examen zwei Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet hat, sechs Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und 30 Jahre als Hochschullehrer, traue ich mir diese Aussagen zu.