665: Lwiw (Lwow, Lemberg) – einst die Stadt der vielen Völker

Joseph Roth, einer der größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wurde 1894 in Brody bei Lemberg in Galizien geboren. Im damaligen Österreich-Ungarn. Zeit seines Lebens war er auf der Suche nach seinem Vater, den er gar nicht kennengelernt hatte und quasi als Vaterersatz nach einer Heimat, die er in Österreich-Ungarn gefunden zu haben glaubte. Er endete als habsburgischer „Legitimist“ 1939 in Paris im Exil, wohin er sich als Jude über viele andere Stationen (Amsterdam, Ostende etc.) hatte flüchten müssen.

Seine Beerdigung in Paris wurde zu einer Schau der verschiedenen Religionen und politischen Ideologien. Dort wurde jüdisch, protestantisch und katholisch gebetet, und es wurden Nachreden auf seinen „Patriotismus“, Konservatismus und Sozialismus gehalten. Im Grunde ein treffendes Sinnbild der Vielvölkerstruktur Galiziens und der Multi-Ethnizität Habsburgs. Selbst wer Joseph Roths ohnehin gewagte politische Analysen nicht teilt, darf sich davon beeindrucken lassen. Roth hatte in Wien und Berlin als Journalist u.a. für die „Frankfurter Zeitung“ gearbeitet. Dort erschienen viele seiner Novellen und Romane als Vorabdruck. Und dabei kam es nicht selten vor, dass dann, wenn ein Kapitel erschien, das nächste noch gar nicht geschrieben war. Das waren noch Zeiten.

Bekannte Publikationen von Roth sind etwa „Das Spinnennetz“ (1923), „Hotel Savoy“ (1924), „Zipper und sein Vater“ (1928), „Hiob“ (1930), „Radetzkymarsch“ (1932), „Das falsche Gewicht“ (1937), „Die Kapuzinergruft“ (1938), „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ (1939), „Die Legende vom heiligen Trinker“ (1939). Im „Radetzkymarsch“ erzählt Roth die faszinierende Geschichte, wie der Leutnant Trotta, ein Kroate, den Kaiser auf dem Schlachtfeld rettet.

Joseph Roths Geburtsort und die benachbarte Großstadt Lemberg (ukrainisch: Lwiw, polnisch: Lwow) liegen heute in der West-Ukraine. Zu Roths Zeiten lebten dort Polen, Ukrainer, Juden, Armenier, Griechen, Russen, Deutsche und viele andere Völker. Nicht immer friedlich miteinander, aber doch häufig nebeneinander, es gab auch viel Hass. 1772, bei der ersten polnischen Teilung, war Galizien mit Lemberg zu Habsburg gekommen. Die drei imperialistischen Mächte Preußen, Habsburg und Russland hatten Polen unter sich aufgeteilt. 1918 kam Galizien zu Polen, nun wurden Ukrainer verfolgt.  Der Vielvölker-Status Galizien wurde erst durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939 nachhaltig verändert. Stalins Geheimdienst, der NKWD, übernahme 1939 das Kommando. Dessen Verheerungen waren noch nicht beseitigt, als 1941 Deutschland die Sowjetunion überfiel. Völkermord und Massenvertreibungen waren die Folge. Heute leben in Lemberg zu 90 Prozent Ukrainer und russiche und jüdische Minderheiten.

Lwiw ist heute das Zentrum der an Europa orientierten, menschenrechtlich gesonnenen Menschen in der Ukraine. Sie wollen keine russische Vorherrschaft. Nachdem im 20. Jahrhundert die Schrecken des Nationalismus, Antisemitismus, Faschismus und Stalinismus Galizien heimgesucht hatten, können wir heute nicht mehr in den Kategorien von „Blut“, „Volk“ oder „Rasse“ denken. Es geht um Menschen und Staaten, deren kulturelle und religiöse Vielfalt gewährleistet sein müssen. Furchtbar gewütet und gemordet hatten in Lwiw die Deutschen. Von den 160.000 Juden blieben danach kaum 800. Im „Lemberger Professorenmord“ wurden Hochschullehrer und jüdische Hochschullehrer systematisch ermordet. Die jüdische Gemeinde umfasst heute wenige tausend Menschen (Joachim Käppner SZ 1.9.14).

Den Putin-Freunden in Deutschland müssen wir sagen, dass sie im Grunde neben den Fehlern von 1939 („Mourir pour Dantzig?“) noch den begehen, Putins Hegemonialismus, den sie sich selbst nicht gestatten würden, zu bewundern, sein russisches Großmachtdenken in den veralteten Kategorien. Dem muss Europa entgentreten. Das wäre im Sinne Joseph Roths, der seiner Heimat Galizien stets ein ehrendes Andenken bewahrt hatte.

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