662: Das Klima an der Odenwaldschule

Elfe Brandenburger, geb. 1956, war von 1973 bis zum Abitur 1977 Schülerin der Odenwaldschule. Die Filmemacherin fühlte sich von Schulleiter Gerold Becker regelrecht verfolgt. Für sie hat die „Reformpädagogik als Konzept“ vollkommen versagt. Brandenburger will nun einen Film über die Odenwaldschule drehen. Es ist der dritte.

Nina Apin hat Elfe Brandenburger für die taz interviewt (26./27.7.14)

Brandenburger: Dass man jetzt erst darüber nachdenkt, ob man das Familienprinzip abschafft, ist eigentlich unglaublich. Dieses Zusammenleben von Lehrern und Schülern unter einem Dach ohne Kontrolle von außen hat die pädophilen Übergriffe von damals doch erst möglich gemacht. Wenn Sie mich fragen, hat die Reformpädagogik als Konzept versagt. Die Nähe zum Kind, dieses Diktum „keine Bildung ohne Bindung“ – das ist doch grundfalsch. Kinder sollten ohne emotionale Verstrickungen lernen dürfen!

Apin: Was war das für eine Atmosphäre im Hause?

Brandenburger: Es herrschte so ein schwüles Klima, das auf eine seltsame Art sexuell aufgeladen war. Man hatte das Gefühl, dass jeder eine Heimlichkeit zu verbergen hatte. Aber das wurde, abgesehen von plötzlichen und unerwarteten Ausbrüchen von Verzweiflung oder Gewalt, unter dem Deckel gehalten. Dass sie so gequält wurden, zeigten die meisten Jungs nach außen nicht. Schließlich wurden sie ja belohnt für das, was sie erduldeten. Die „Auserwählten“ bekamen bessere Noten, durften den Unterricht schwänzen, bekamen sehr wertvolle Geschenke, wurden auf Reisen mitgenommen. Einer dieser Jungs, mit dem ich heute befreundet bin, sagt über sich: Ich war die jüngste Prostituierte der Odenwaldschule.

Apin: Sie waren 16 Jahre alt und umgeben von homosexuellen Pädophilen und ihren Opfern. Wie wirkte sich das auf ihr Liebesleben aus?

Brandenburger: Meine Probleme begannen, als ich mich in einen Jungen verliebte, der ein Liebling von Gerold Becker war. Er war siebzehn und sehr offen zu mir. Er erzählte, dass Becker seit Jahren jeden Morgen „unter seine Decke“ ging. Dass er mit dem Kopf unter die Decke ging, ahnte ich nicht, ich hatte bis dahin noch nicht einmal selbst Sex gehabt. Der Junge aber liebte mich auch. Er ging daraufhin zu Becker und erklärte, er habe sich verliebt und wolle nicht mehr von ihm angefasst werden. Becker muss wohl schrecklich geweint haben, er führte sich auf wie ein verliebter Teenager. Allerdings schrieb er auch meinen Eltern einen Brief, in dem stand, ich hätte die Probezeit nicht bestanden, man solle für mich eine andere Schule finden (Dazu kam es dann nicht, W.S.).

Für meinen ersten Freund etwa bezahlte Gerold Becker das Schulgeld weiter, als seine Familie plötzlich verarmte. Noch schlimmer war es für die Jugendamtskinder: die hatten gar niemanden, der sich für sie interessierte. Aus Berlin schickte Martin Bonhoeffer öfter Jungs, immer besonders hübsche. Bonhoeffer, beim Berliner Senat für das Heimkinderwesen zuständig, war selbst pädophil und ein enger Freund Gerold Beckers. Unter uns Jugendlichen galt auch er als einer, der auf kleine Jungs stand. Die beiden spielten sich die Kinder wohl gegenseitig zu.

Apin: Haben Sie noch Kontakt zu den Jungen von damals?

Brandenburger: Becker hatte den Instinkt eines Geiers: Er suchte sich Opfer, die ohnehin angeschlagen waren. Und er konnte warten. Er kreiste so lange, bis es den Jungen schlechtging, bis sie in emotionale oder identitäre Not gerieten. Dann war er da, fing sie auf. Und griff zu. Ich weiß nicht, ob man sich von einem solchen Schlag erholen kann. Bei allen Männern, die ich von damals noch kenne, scheinen diese Erlebnisse tiefe Spuren hinterlassen zu haben. Manche von ihnen wurden später zwanghaft promiskuitiv, andere hingen wie Ertrinkende am Idealbild einer einzigen Person, oder wurden selbst zu Tätern. Wie das im Einzelnen zusammenhängt, kann nur jeder für sich selbst ergründen.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.