649: Antiamerikanismus und Isolationismus

Der 1926 in Breslau geborene US-amerikanische Historiker Fritz Stern, der 1938 mit seinen Eltern in die USA ausgwandert ist, versteht auch von der deutschen Geschichte viel („Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen.“ München 2007). Er hat den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und das große Bundesverdienstkreuz bekommen und macht sich Sorgen über die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Nikolaus Piper hat ihn für die SZ interviewt (31.7.14).

SZ: In Ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1999 nannten Sie den Antiamerikanismus eine „bequeme Trotzigkeit“. Spielt das heute auch eine Rolle?

Stern: Der neue Antiamerikanismus ist beängstigend, vor allem angesichts der deutschen Geschichte, in der sich extreme Hochachtung und extreme Abneigung so oft abwechselten. Ich weiß nicht einmal, ob Antiamerikanismus der richtige Ausdruck ist. Es gibt eine große Enttäuschung über Amerika, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten selbst. Das betrifft den Überwachungsstaat und die gesamte Richtung, in der sich die amerikanische Republik bewegt. Die Regierbarkeit des Landes wird von vielen angezweifelt. Die deutsche Reaktion hat vielleicht auch damit zu tun, dass Amerika so lange Vorbild war oder als Vorbild verordnet wurde. Jetzt ist man enttäuscht über die amerikanische Politik, aber auch über das amerikanische Innenleben.

SZ: Sie haben immer wieder eindringlich beschrieben, wie Sie, der Flüchtling aus Deutschland, Amerika lieben gelernt haben. Wie sind Ihre Gefühle heute?

Stern: Gefühle von Liebe und Schmerz. Ich blicke beunruhigt auf ein Land, dem dankbar zu sein ich jeden Grund habe, an dessen Funktionsfähigkeit aber Zweifel wachsen. Meine Gefühle heute sind tatsächlich ganz andere als vor 20 Jahren, von 1938 ganz zu schweigen. Ich muss immer wieder an den von mir hochverehrten

Alexis de Tocqueville

denken, der schon 1831 angemerkt hat, dass sich dieses Land in besonders heftiger Weise dem Geld und der Gier verschrieben hat. Und die Rolle des Geldes in Amerika heute ist erschütternd und gefährdet die Demokratie.

SZ: Viele hatten ja gehofft, mit dem Präsidenten Barack Obama würde alles besser werden.

Stern: Ich habe selbstverständlich auch auf Obama gehofft, wobei ich früh schon glaubte, dass er gleich zu Beginn offen hätte sagen sollen: Ich muss eine Erblast übernehmen, wie kein anderer Präsident vor mir. Ein Land, das so zerrissen ist, dass durch zwei Kriege gegangen ist, das ist ein schwieriger und teurer Anfang. Er hoffte, so glaube ich, das Land einigen zu können. Stattdessen ist die Spaltung des Landes nur noch schlimmer geworden. Und das hat seine Regierungszeit sehr schwer gemacht. Natürlich hätte er auch mehr tun können, sich mehr kümmern, mehr um Popularität werben. Aber immerhin hat er eine Gesundheitsreform zustande gekriegt – wir haben jetzt Bismarck eingeholt. Und er hat das Land vor weiteren kriegerischen Verwicklungen behütet. Das ist nicht unwichtig. Er hat dem Druck der Neokonservativen widerstanden, die so ungeheuer viel Schuld auf sich geladen haben. Hat er Fehler gemacht? Ja. Aber wer hätte unter diesen Umständen keine Fehler gemacht?

SZ: Und die Antwort auf Ihre Frage?

Stern: Ich glaube, dass die Amerikaner sich, ohne dass sie sich richtig dessen bewusst sind, langsam in eine isolationistische Richtung entwickeln. Ich finde das beängstigend.

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