Es war eines der wichtigen Bücher, die meine Weltsicht begründet haben, vielleicht das wichtigste: „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ (1955 bei Kiepenheuer & Witsch). Ich war damals noch sehr jung, las es aber gleich aus großem Interesse, ein Freund hatte es mir geliehen. Wolfgang Leonhard beschrieb darin, wie er als überzeugter Kommunist am 30. April 1945 mit der „Gruppe Ulbricht“ bei Berlin landete und insgeheim die DDR mit aufbauen sollte. Mit stalinistischen Methoden, welche die KPD-Führung in Moskau schon praktiziert hatte. Das führte zur Unterdrückung der Freiheit, zur Repression und zur Diktatur. Wie es in den Grundzügen bei Karl Marx selbst schon angelegt war. Das beschrieb Wolfgang Leonhard in seinem Buch nicht so genau, denn er behielt großen Respekt vor dem Theoretiker Marx. Er war Lehrer an der Parteihochschule der SED.
Leonhard floh 1949 über Jugoslawien in den Westen, weil er sah, dass die roten Apparatschiks die Fehler der Sowjetunion nur wiederholten. In seinem Buch führte er sehr anschaulich, denn er hatte in der Sowjetunion eine kommunistische Musterkarriere gemacht, vor, wie die stalinistische Strategie und Taktik funktionierten. Bei deutschen Kommunisten wie Walter Ulbricht besonders gut. Davon hat sich die 1949 gegründete DDR nie erholt. Wer das Buch seinerzeit mit offenen Sinnen und heißem Herzen las, war ein für allemal davor gefeit, Kommunist zu werden. Wolfgang Leonhard wurde im Westen zum großen Lehrer in Anti-Kommunismus. Unter anderem an der Yale-Universität (USA). Dadurch hat er auch sehr viel Hass auf sich gezogen, wie ich sehr gut weiß.
Wolfgang Leonhard wurde 1921 in Wien geboren. Als Sohn einer Journalistin und eines Schriftstellers. Sein leiblicher Vater war der sowjetische Botschafter, ein enger Freund Lenins. Wolfgang Leonhard kann also zu Recht als „geborener Kommunist“ gelten. 1933 floh Leonhard mit seiner Mutter nach Moskau. Sie wurde später nach Sibirien deportiert. Leonhard machte Parteikarriere und erlebte den stalinistischen Terror und die Schauprozesse mit. 1945 wollte er ein neues Deutschland der Emigranten, Kommunisten und Juden mit aufbauen. Es ist dann ganz anders gekommen.
Wolfgang Leonhard ist in seinem Haus in der Eifel gestorben.