Herfried Münkler schlägt vor, Abschied zu nehmen von den Thesen Fritz Fischers zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (SZ 20.6.14). Er will Klarheit im Konflikt. Münkler kritisiert Volker Ullrich dafür, dass dieser von „Errungenschaften“ bei der Fischer-Kontroverse spreche. „Wer von ‚Errungenschaften‘ spricht, nagelt die Geschichtswissenschaft ans Kreuz der Geschichtspolitik.“ Auch Hans-Ulrich Wehler wird kritisiert. „Die Kritik an Fischer, so Wehler, sei eine Respektlosigkeit gegenüber dessen Lebensleistung. Das ist ein bemerkenswertes Argument: würde es zutreffen, so würde sich die wissenschaftliche Dignität einer Theorie nicht mehr an deren argumentativer Stringenz und empirischer Vakidität, sondern an der Zivilcourage ihres Autors entscheiden.“
„Geschichtspolitisch ist Fritz Fischer als Sieger aus der Kontroverse um die deutsche Kriegsschuld hervorgegangen, und dabei spielten Fragen eine Rolle, die mit der Neuanlage der (west)deutschen Ostpolitik in der Mitte der 1960er Jahre zusammenhingen. Vereinfacht lässt sich der Zusammenhang zwischen Politik und Geschichtsdeutung so zusammenfassen: Wenn die Deutschen nicht die Hauptschuldigen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren, sondern alle Großmächte dabei zusammengewirkt hatten – als
Schlafwandler,
wie Christopher Clark sie jüngst bezeichnet, oder als
Zocker,
wie Sönke Neitzel ergänzt hat -, dann kann man die Deutschen auch für die unglücklichen Folgen des Versailler Vertrags, wie etwa den Aufstieg Hitlers, nur bedingt verantwortlich machen.“
„Fritz Fischers Thesen waren für die Deutschen eine Hilfestellung bei der Akzeptanz des politisch Unveränderbaren. In der internationalen Forschung sind sie hingegen nie wirklich übernommen worden.“
„Der erste große Einwand gegen die methodische Herangehensweise Fischers lautet, dass er nicht vergleichend gearbeitet, sondern sich allein mit den deutschen Quellen beschäftigt hat.“
„Der andere große Einwand gegen Fischers Arbeitsweise ist sein Umgang mit Quellen, der zeigt, dass er von politischen Entscheidungs- und Beratungsprozessen wenig verstanden hat. So hat er Besprechungen einiger Politiker und Militärs, die schon durch die Art ihres Zusammenkommens und ihre Zusammensetzung keine Entscheidung treffen konnten, quellenmäßig den Beschlüssen der formell dafür zuständigen Gremien und Institutionen gleichgestellt und auf diese Weise eine Kohärenz in die deutschen Entscheidungsabläufe hineinerzählt, die es so nicht gegeben hat.“
„Fischers Darstellung folgt einem bestimmten Erzählprinzip: dem des verborgenen Plans und der Entscheidungskohärenz. Danach werden die Quellen gebürstet.“
„Die hinter Fischers Ansatz stehende Vorstellung, man könne bei der Entstehung von bewaffneten Konflikten und Kriegen einen eindeutig Schuldigen ausmachen, ist politisch gefährlich, weil moralisch simplifizierend. Eine ihrer Folgen ist die in Deutschland fast jede Debatte über einen Krieg in der Welt begleitende Frage, wer denn dieses Mal ‚der Hitler‘ sei. Hitler ist ein Sonderfall, und darum ist es allzu simpel, ihn als Analysegröße bei aktuellen Krisen und Konflikten zu benutzen. Das genau hat Fritz Fischer getan – biografisch nachvollziehbar, politiktheoretisch abwegig.“