605: Eindämmung der Fremdenfeindlichkeit durch Psychoanalyse

Je stärker sich die Psychoanalyse im System der deutschen Krankenversicherung durchgesetzt hat, um so belangloser wurde sie bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme. Diese These ist gewiss zu einfach. Aber etwas Wahres ist doch dran. Denn die Psychoanalyse kann ja weit mehr, als Waschzwang, Platzangst und den nächsten Besuch der Schwiegermutter zu bearbeiten. Freud schrieb 1927: „Als ‚Tiefenpsychologie‘, Lehre vom seelisch Unbewussten, kann sie all den Wissenschaften unentbehrlich werden, die sich mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Kultur und ihrer großen Institutionen wie Kunst, Religion und Gesellschaftsordnung beschäftigen.“

Wie der Marxismus erhebt die Psychoanalyse den Anspruch einer universellen Deutungsmacht über die Moderne. Mit dem Ziel der Emanzipation. Und wenn der Marxismus darin weithin gescheitert ist, so die Psychoanalyse nicht. Auf ihrem Weg hat sie allerdings einige unverzeihliche Kompromisse gemacht, die ihre theoretische Kompetenz beeinträchtigt haben. Die Psychoanalyse darf nicht zu unpolitisch werden. Dass einige ihrer Vertreter keinen überzeugenden Eindruck machen, liegt daran, dass sie besonders schwere Neurosen mit sich herumtragen. Das allgemeine Kasten-, Kader- und Proselytenwesen in der Psychoanalyse entspricht nur dem, was in anderen Wissenschaftsfeldern auch üblich ist.

Auf dem Symposium zum 70. Geburtstag von Bernd Nitzschke, der sich insbesondere journalistisch um die Psychoanalyse verdient gemacht hat (Volker Breidecker, SZ 17.6.14), wurden aber ausführlich Renegaten wie

Otto Gross,

Wilhelm Reich und

Georg Groddeck

gewürdigt.

Das auch von Freud goutierte politische Abstinenzgebot hat in der Nazi-Zeit dazu geführt, dass einige Analytiker darin die Chance zum wohlfeilen Alibi für ein Überwintern erkannten. Sie standen nicht auf Seiten des Widerstands. Dies mussten nach 1945 „Nestbeschmutzer“ wie Helmut Dahmer erst herausarbeiten. Heute wissen wir es. In der „Medizinisierung“ der Psychoanalyse, ihrer Blindheit gegenüber der sozialen und politischen Außenwelt wirkt das in die Nachkriegsära übertragene „heimliche Schweigeprogramm“ noch immer fort.

Ein sehr wichtiges Arbeitsfeld für die kulturtheoretisch restituierte Psychoanalyse 2014 ist die Erforschung der Fremdenfeindlichkeit, dieser Geißel der gegenwärtigen Gesellschaft. Nach Oliver Decker, dem Ko-Autor einer Leipziger Studie über aus der Mitte der Gesellschaft kommende rechtsextreme Einstellungen, ist die „Mitte“ der Gesellschaft 2014 nur deshalb „stabiler“ geworden, weil der Wohlstand in der ökonomischen Insellage als „narzisstische Plombe“ fungiere. Gegenüber Gruppen wie Asylbewerbern, Sinti und Roma  sowie Muslimen ließ die Mehrheit der Deutschen einem „sekundären Autoritarismus“ freien Lauf. Kompatibel mit „sekundärem Antisemitismus“. Unter schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen werde die Plombe bersten.

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