Julian Nida-Rümelin ist Philosophieprofessor in München und Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission. 2001 und 2002 war er Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder. Davor Philosophieprofessor in Göttingen. Er spricht sich gegen den „Akademisierungswahnsinn“ aus und kritisiert die Bologna-Reform (Bachelor- und Masterstudiengänge). Wenige sind in bildungspolitischen Angelegenheiten so kundig wie er. Nida-Rümelin kritisiert auch seine eigene Partei (FAS 1.9.13). Er steht gegen Andrea Nahles, die ihre bildungspolitische Inkompetenz schon vielfach unter Beweis gestellt hat. Der Mann gefällt mir sehr. Für die FAS interviewt ihn Christian Füller.
FAS: Die Abiturquote schnellt unaufhörlich in die Höhe.
Nida-Rümelin: Sie liegt jetzt bei knapp fünfzig Prozent eines Jahrgangs und hat sich damit in den letzten zwölf oder dreizehn Jahren verdoppelt. Wir haben aber immer noch viele Abiturienten, die kein Studium aufnehmen und lieber eine Lehre machen. Zugleich legen rund siebzehn Prozent der Jugendlichen überhaupt keine Berufsausbildung ab. Von daher haben wir bislang noch ein leichtes Übergewicht für Ausbildungsberufe. Die Zahlen ändern sich aber Jahr für Jahr, bald laufen die Studenten den Azubis den Rang ab. Das finde ich falsch. Wir sollten den Akademikerwahnsinn stoppen.
…
FAS: Sie meinen, die jungen Leute sind zu dumm zum Studieren?
Nida-Rümelin: Sie sollten gewisse Voraussetzungen für ein Studium mitbringen. Ein Ingenieur sollte Mathematik können. Das bedeutet, dass einige, die nach einen Semester erkennen, es reicht nicht in Mathe, die Ingenieursfächer oder Mathematik wieder verlassen sollten. Ich glaube übrigens nicht, dass der Weg der richtige ist, den die OECD auch für Deutschland aus durchsichtigen Motiven als den richtigen beschrieben hat.
FAS: Und die wären?
Nida-Rümelin: Einen globalen Markt vergleichbarer Abschlüsse zu schaffen. Das mag im Interesse mancher großen Unternehmen sein, ist aber nicht gut für die Vielfalt der Bildungstraditionen und -kulturen. Ich bin da sehr skeptisch.
…
FAS: Sie idealisieren den Zustand vor der Bachelor-Reform. Es gab teilweise gigantische Abbrecherzahlen.
Nida-Rümelin: Die Abbrecherquote ist in den neuen Studiengängen im Schnitt sogar höher als in den alten Diplom- und Staatsexamen. Ich idealisiere das alte Studium aber überhaupt nicht, sondern fand es absolut untragbar, dass wir 80 oder mehr Prozent Studienabbrecher in bestimmten Fächern hatten. Das durfte nicht so bleiben. Aber dafür gab es Ursachen, die mit der Bachelor-Reform nichts zu tun haben.
…
FAS: Was ist ihre Botschaft?
Nida-Rümelin: Gleicher Respekt vor allen Talenten. Jede Begabung ist gleichwertig, eine Elektrotechnikerin verdient die gleiche Anerkennung wie ein Professor oder ein Manager oder eine Erzieherin.
FAS: Und alle sollen auch das Gleiche verdienen?
Nida-Rümelin: Das kann und will niemand dekretieren, das regelt – überwiegend – der Markt. Aber wir müssen uns schon die Frage stellen: Macht eine Erzieherin einen wichtigen Job? Ja! Übt sie eine qualifizierte Tätigkeit aus? Ja! Brauchen wir diesen Beruf?
FAS: Alle tun jedenfalls so.
Nida-Rümelin: Wie kommen wir dann dazu, sie so miserabel zu bezahlen, dass eine Erzieherin sich eine Stadt wie München praktisch nicht leisten kann und wir entsprechend einen großen Arbeitskräftemangel in diesem Bereich in den Großstädten haben?
Kommentar W.S.: Da kann ich nur zustimmen. Ich weiß dies auch aus meiner Berufserfahrung. Es kommen zu viele Menschen an die Universität, die da nicht hingehören. Keine Rechtschreibung und Zeichensetzung können und kaum eine Fremdsprache beherrschen. Die nicht, was unbedingt erforderlich ist, das Bewusstsein haben, wir sind später einmal Führungskräfte. Die sich nicht die Frage stellen, wie würde ich das jetzt als Vorstandsmitglied entscheiden und handhaben. Die sich mit der Rolle des Mitläufers zufriedengeben. Das können wir nicht gebrauchen. Und schon gar nicht die Rolle der OECD als Erfüllungsgehilfen des Großkapitals! Beide Ausbildungswege, das Universitätsstudium und die Berufsausbildung, müssen gestärkt und besser finanziert werden. Es kommt auf die Qualität der Ausgebildeten an und nicht auf die Zertikate, die sie bekommen haben.