450: Die Geheimdienste wollen gar nicht wissen, was wir wollen.

Harald Staun reflektiert in der FAS (14.7.13) das Abschöpfen von Informationen durch die Nachrichtendienste und die Relevanz von Big Data dabei. Er gelangt zu einer These, die für manche überraschend klingt, aber zeigt, dass die Dienste gar nicht an unseren Wünschen und unserer Subjektivität interessiert sind, sofern wir nur auf

„jetzt kaufen“

klicken. Staun schreibt: „Was aber sehen die Augen des Staates, wenn er uns überwacht? Je gigantischer die Menge der Daten wird, die die Geheimdienste sammeln und horten, desto glaubhafter wird der Hinweis darauf, dass ihnen die Inhalte unserer Äußerungen ziemlich egal sind. Das aber ist womöglich das Traurigste an der Offenbarung, dass sich der Staat so maßlos für seine Bürger interessiert: dass er sich gar nicht für sie interessiert.“

Für Staun folgen die Geheimdienste dem, was

Paul Ricoeur „die Hermeneutik des Verdachts“

genannt hat. Sie suchen Muster, die nie klüger sind als die Filter, durch die man sie sieht. Die Zukunft, die sich aus ihnen errechnen lasse, leite sich immer nur aus dem Sein ab, nie aus dem Wollen der Menschen.

Staun führt uns noch einen Schritt weiter, wo er über die Betriebssysteme der Dienste sagt: „Der Horror derartiger politischer Betriebssysteme wäre nicht ihr Versagen, sondern ihr Funktionieren. Um es in den Worten des Gegenaufklärers

Friedrich Schlegel

zu sagen: ‚Wahrlich, es würde euch bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.'“

„Unsere digitalen Profile, so genau sie auch aussehen, bleiben Zerrbilder, weil sie nie beinhalten, was wir sein könnten. Dass es Unternehmen gelingt, solchen Karikaturen ihre kommerziellen Wünsche zu erfüllen, ist das eine. Um den richtigen Film, ein interessantes Buch oder einen geeigneten Urlaubsort vorzuschlagen, reicht eine solche Annäherung völlig aus. Ob die Kunden die Dinge wirklich wollen, spielt gar keine Rolle; es reicht, wenn sie am Ende auf ‚jetzt kaufen‘ klicken.“

„Wem es, wie den Erfindern des Rechts auf Privatsphäre, nur um ‚das Recht, in Ruhe gelassen zu werden‘, geht, er kann sich durch Verschlüsselung und digitale Abstinenz vom gesellschaftlichen Diskurs abmelden. Wer aber an Partizipation und Mitbestimmung interessiert ist, muss daran arbeiten, dass seine Stimme nicht nur abgehört wird, sondern auch gehört. Wer sich in die Offline-Welt zurückzieht, wird zu einem jener

‚unsichtbaren Menschen‘,

von denen Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google, spricht. Wer seine Interessen für sich behält, wird zum Nichtwähler der digitalen Demokratie. Wenn man sich gegen die Zukunft wehren will, in die die eigene Datenspur so vermeintlich unausweichlich weist, darf man nicht unsichtbar werden; man muss undurchschaubar bleiben. Unsere Profile verraten nur, wer wir ‚wirklich‘ sind, nicht, wer wir sein wollen. Einer Politik aber, die mehr sein will als das Management herrschender Verhältnisse, käme es darauf an, unsere Träume abzuhören.“

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