430: Intelligenz – ein Begriff, an dem die Geister sich scheiden

Es ist ein Buch erschienen, dem ich viele Leser wünsche:

Elisabeth Stern/Aljoscha Neubauer: Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen. München (DVA), 304 S., 19,99 Euro.

Wir begeben uns bei der Lektüre auf ein ungemein wichtiges Feld, auf dem sich die Zukunft der Gesellschaft entscheidet. Das Buch liefert klare und nüchterne Erkenntnisse, die im Einzelnen alle bekannt sind. Aber es wird zu wenig Gebrauch davon gemacht. Sie passen nicht in die weltanschauliche Landschaft. Hier liegen ja im Grundsatz die SPD und die Gewerkschaften falsch, weil sie einem Bildungsbegriff anhängen, der unzutreffend ist. Stern und Neubauer widmen sich der

„Intelligenz“

und stellen vor allem klar, dass sie vererblich ist.

Intelligenz besteht nicht aus beliebigen Kompetenzen, die zusammen eine Gesamtintelligenz ergeben. Sondern die Autoren machen uns klar, dass nicht jeder Mensch die Möglichkeit zum großen Erfolg hat. Die Fähigkeit dazu hängt von den Genen ab. Alles ist vererblich. Dies ist im Deutschland nach 1945 nicht mehr akzeptiert worden, weil die Nazis ihre Rassetheorie mit einer falschen Vererbungslehre verbunden hatten, wodurch jeder Gedanke an Erblichkeit desavouiert erschien.

Bei „Intelligenz“ handelt es sich um formale, kognitive Fähigkeiten im engeren Sinne, um logisches Denkvermögen, die Fähigkeit zum schlussfolgernden (induktiven) Denken oder die Fähigkeit zur räumlichen Vorstellung. Diese Fähigkeiten existieren unabhängig von sonstigen Kompetenzen und kulturellen Prägungen und sind klar zu definieren. Intelligenztests sind nicht nur willkürliche Hilfskonstrukte, sondern messen die Intelligenz recht genau und ermöglichen Prognosen über den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Mathematische Schwäche wird generell nicht durch sprachliche oder andere Stärken „ausgeglichen“. Vielmehr zeigen nahezu alle Studien einen moderaten Zusammenhang zwischen verschiedenen kognitiven Teilleistungen. Deshalb ist es durchaus berechtigt, von „allgemeiner Intelligenz“ („Faktor g“) zu sprechen. Für den Erfolg, wo auch immer, ist Intelligenz wichtiger als

Motivation,

Fleiß,

Disziplin und

Kreativität.

„Die Eizelle und die Samenzelle, die zueinander gefunden haben, stecken das geistige Feld ab, in dem sich ein zukünftiger Mensch bewegen kann.“ Dies läuft nicht „von alleine“ ab, sondern bedarf der gezielten Lernangebote (und guter Lehrer). Der Erbgang bei der Intelligenz ist komplex und nicht so einfach, wie sich das Simplifikateure wie Tilo Sarrazin vorstellen. Absurd ist es anzunehmen, dass das Kind aus einer Partnerschaft, in der ein Elternteil einen IQ von 110, der andere von 130 hat, bei einem IQ von 120 landen wird. So simpel ist es nicht. Es gibt hier die systematische Abweichung zur Mitte hin („Regression zur Mitte“). Weshalb nichts zu befürchten ist, wenn weniger Begabte im Durchschnitt leicht mehr Kinder bekommen als Begabte.

Stern und Neubauer sprechen sich dafür aus, jene ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung, die bei einem Intelligenztest klar überdurchschnittlich mit mehr als 115 Punkten abschließen, besonders zu fördern, damit sie ihr Potential erreichen. Die Autoren kritisieren, dass wir zu viel über Randbedingungen nachdenken wie

Ganztags- oder Halbtagsschule,

gegliedertes Schulsystem oder nicht,

Inklusion ja oder nein,

Frontalunterricht oder nicht,

kleine Klassen oder nicht.

Darauf kommt es hier gar nicht an. Sondern auf die Unterrichtsqualität und gut ausgebildete und motivierte Lehrer. Stern und Neubauer erlauben sich dann etwas, das Bildungspolitiker sich heute nicht mehr trauen. Sie bezweifeln nämlich, dass eine Gymnasialquote von 40 Prozent angemessen ist. Sie halten sie für viel zu hoch. An Universitäten sollte eine Jahrgangsquote von ungefähr 20 Prozent nicht überschritten werden.

Dem kann ich aus Erfahrung nur begeistert zustimmen. Auch was die Universität betrifft. Alle OECD-Quoten sind kalter Kaffee. Sie führen nur dazu, dass Abitur und Studium entwertet werden. Die Erwachsenenbildungszahlen (ich war zwei Jahre in der Erwachsenenbildung tätig) täuschen Chancen vor, die nicht wirklich vorhanden sind. Die Förderung von Menschen muss im Vorschulalter beginnen. Alle Lehrerinnen und Lehrer, denen wir begegnen, bestätigen das, dürfen es aber in den Projektschulen von heute teilweise nicht mehr aussprechen. Im übrigen haben wir heute in Deutschland durchaus noch sehr gute Schulen. Das Schulangebot kann dann überzeugen, wenn es ein großes gemischtes Angebot von Schulformen gibt. Oder eine den ganzen Staat umfassende einheitliche Gesamtschule. Da würden sich dann nämlich wieder die Intelligenten durchsetzen können. Ich bin allerdings mehr für die Vielfalt der Ziele und Wege.

Die „Intelligenz“ in dem so verstandenen Sinne ist ein Begriff, der ziemlich genau bezeichnet, was „Konservative“ von „Nicht Konservativen“ unterscheidet. Wer die beschriebene, auf Erblichkeit beruhende „Intelligenz“ akzeptiert, darf „konservativ“ genannt werden. Damit kann auch denen geholfen werden, die sich nicht mehr gut zurechtfinden und eine allgemeine „Unübersichtlichkeit“ feststellen möchten. Die Welt kann von uns erkannt und geordnet werden. Aber dazu bedarf es der Nüchternheit und der Gelassenheit, daran festzuhalten, was eigentlich alle wissen, aber nicht mehr zu sagen wagen. Wir brauchen keine Querdenker, die meistens zu wenig wissen oder logisch und methodisch den Gegenständen nicht gewachsen sind. Wir brauchen Geradeaus-Denker.

Christian Weber hat nicht zum ersten Mal sehr kundig über das Thema geschrieben (SZ 14.6.13), hoffentlich nicht zum letzten Mal.

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