413: „Wer vier Jahre studiert, verdient 40 Prozent mehr.“

Der Münchener Ökonom und Bildungsforscher Ludger Wößmann geht gegen Bildungs-Mythen vor. Etwa gegen die Annahme, dass es sich in kleineren Klassen besser lernen lässt. Oder dass Computer Schüler schlauer machen. Alexander Hagelüken und Hannah Wilhelm haben ihn in der SZ interviewt (24.5.13).

SZ: Herr Wößmann, reden wir über Geld – und Bildung. Wer in Bildung investiert, hat als Person ein höheres Einkommen und als Land mehr Wachstum. Ist es so einfach?

Wößmann: Ja. … Bildung und Einkommen hängen viel stärker zusammen als vieles, was in diesem Bereich als sicher gilt.

SZ: Gibt es weitere Bildungsirrtümer? Mythen?

Wößmann: Dass sich der Gebrauch von Computern und bestimmten Lernprogrammen positiv auf das Lernen auswirkt. Dazu gab es große Studien. Es handelt sich aber um einen Scheinzusammenhang. Natürlich haben Kinder aus Akademikerfamilien eher Computer und Internet zu Hause. Diese Kinder schneiden aber nicht deshalb besser ab, sondern weil gebildete Eltern sie besser betüddeln und fördern. Zu viel Computernutzung wirkt sich eher negativ auf die Leistung aus.

SZ: In welche Schule geht ihre Älteste?

Wößmann: Auf die ganz normale Grundschule bei uns in der Nähe. Auch das muss man auseinanderhalten. Man muss einerseits Forderungen stellen, die für die Gesellschaft am besten wären. Und auf der anderen Seite überlegen, was ist für mein Kind am besten. Das ist nicht immer dasselbe.

SZ: Ein Beispiel bitte.

Wößmann: Die Frage, wann Kinder auf die unterschiedlichen Schulformen aufgeteilt werden. Ob nach der vierten Klasse oder später. … Früh aufzuteilen, hat für das Leistungsniveau keinen positiven Effekt, aber die Chancengleichheit leidet sehr darunter. Je früher aufgeteilt wird, desto mehr bestimmt das Elternhaus, wo ein Kind landet. Ich bin deshalb ein vehementer Verfechter dafür, dass wir später aufteilen sollten.

SZ: Die Diskussionen um Kinderbetreuung und Schulen sind sehr emotional und ideologisch. Da gibt es ja Kriege …

Wößmann: Gerade deshalb sind Fakten und Forschung so wichtig. Die muss man den Menschen vor die Nase halten. Pisa hat es etwas verbessert, weil Bildung plötzlich messbarer war. Bis dahin konnte der Bremer Kultusminister immer behaupten: Mein Bildungssystem ist das beste der Welt. Danach ging das nicht mehr.

SZ: Kann man ausrechnen, was Bildung bringt?

Wößmann: Jedes zusätzliche Bildungsjahr bringt zusätzliches Einkommen. Es erhöht das Einkommen um sieben bis zehn Prozent. Wer vier Jahre studiert, verdient 40 Prozent mehr.

SZ: Die Bundesregierung rechnet aus, ein Mann verdient durch ein Studium mindestens 300 000 Euro mehr im Leben, eine Frau 200 000. Und am Einkommen hängt ja viel. Wohlhabende Menschen leben länger.

Wößmann: Ja, nicht nur Einkommen, sondern schon Bildung allein wirkt positiv auf die Gesundheit. Bildung verhindert Schwangerschaften bei Teenagern, verringert Kriminalität. Man sieht da viele positive Wirkungen, … Und natürlich ist es für eine Gesellschaft gut, mehr höher qualifizierte Arbeitskräfte zu haben. Bildung macht jeden Einzelnen produktiver, kreativer, innovativer. … Mein Lieblingsbeispiel dafür, was Bildung bewirkt, ist die Arbeitslosigkeit. Unter Akademikern ist die 2,5 Prozent, unter denen mit Lehre sieben Prozent. Unter denen ohne Berufsabschluss 32 Prozent.

SZ: Was kann ein Dreißigjähriger tun, um seine Chancen zu verbessern? Was bringt Weiterbildung?

Wößmann: Da sind die Studienergebnisse leider nicht erbaulich. Generell sagt der Nobelpreisträger James Heckman: Die Ertragsrate eines jeden in Bildung investierten Dollar ist höher, je früher man anfängt. Also am besten im Vorschulalter. Das heißt leider auch, dass das mit zunehmendem Alter weniger bringt.

SZ: Was also tun?

Wößmann: Ich glaube mehr und mehr, dass der Staat Verantwortung übernehmen muss. Er kann das den Familien nicht überlassen. Es gibt einfach Eltern, die sich da zu wenig einsetzen, und die verbauen ihren Kindern die Lebenschancen.

 

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.