370: Harald Welzer will nicht mehr aus der Sofaecke kommentieren.

Harald Welzer hat sehr wichtige Bücher geschrieben. „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden.“ und „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.“. Demnächst erscheint

„Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand“.

Davon können wir uns einiges versprechen. Denn Welzer bleibt in der Regel nicht in Formeln und Floskeln hängen. Er ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und lehrt Sozialpsychologie an der Universität St. Gallen/Schweiz. Der gelernte Sozial- und Literaturwissenschaftler leitet gemeinsam mit der Soziologin Dana Giesecke „Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit“. Ihm ist es mit der Ökologie ernst. Und er will sich nicht mehr auf das „Kommentieren aus der Sofaecke“ beschränken. Alex Rühle hat ihn für die SZ interviewt (2./3.3.13).

SZ: Gut. Wie sehen Sie selbst denn unsere Zukunft?

Welzer: Diese Gesellschaft wird es so nicht mehr allzu lange geben. Sehen Sie sich nur die Generationenungerechtigkeit an, die noch zunehmen wird. Kann man am arabischen Frühling sehen, welche Wucht das bekommen kann. Der wurde getragen von all den arbeitslosen Männern. Wenn man sich die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien ansieht, frage ich mich, wie lange das noch gutgehen soll. Die Welt wird sich immer stärker aufteilen in Gewinner und Verlierer. Je knapper die Ressourcen, desto größer der Machtvorteil derer, die darüber verfügen. Und wenn die Menge, die noch da ist, für eine Milliarde reicht, wird es hart. Was sollen die anderen sechs Milliarden machen? Dann passen sich Gesellschaften eben an. Das wird dann aber nicht hübsch nach Habermas gehen, mit herrschaftsfreiem Diskurs.

SZ: Anpassung. Das klingt so weich.

Welzer: Ja, die stellen wir uns immer als was Gelingendes vor. Aber Anpassung kann auch heißen: ich bringe die anderen um.

SZ: Die Klimaforschung ist also betriebsblind. Und die Politik geben Sie eigentlich auch verloren. Der Bürger selbst soll es mit seinem Engagement richten. Sie sprechen sogar vom „politischen Souverän“. Aber wo ist der denn? Wo sind die Demonstrationen oder die überzeugenden Protestbündnisse?

Welzer: Warten wir’s doch einmal ab. Der Protest wird nicht dieselbe Form annehmen wie seinerzeit in der Arbeiterbewegung. Ein wesentlicher Faktor für den sozialen Protest während der Weltwirtschaftskrise (1929, W. S.) war das Schlangestehen. Die Arbeitslosen standen ja zu Hunderten vor den Ämtern. Während des Wartens fing das an zu gären. Heute sitzen die Leute isoliert zu Hause und kriegen das Geld auf’s Konto überwiesen.

SZ: Sie schreiben, wir müssten „Widerstand auch gegen uns selbst“ leisten, gegen unsere Trägheit. Was leisten Sie da denn selbst?

Welzer: Erstmal geht es darum, seine Handlungsmaximen umzukrempeln: Genauigkeit statt Schnelligkeit. Achtsamkeit statt Effizienz. Innehalten. Ansonsten: Ich hab noch nie viel geshoppt. Als ich mir das Sakko hier gekauft habe, sagte der Schneider, das wird Sie überleben. Fand ich damals nicht so charmant. Aber handwerklich hergestellte Dinge legen ein höheres Ressourcenbewusstsein nahe und Sie müssen sich nicht alle paar Monate was Neues kaufen.

SZ: Klingt nach Manufactum-Öko.

Welzer: Na ja, ich hab vor zwei Jahren das Gelübde abgelegt, nie mehr eine Fernreise zu machen.

SZ: In welchen Kontinenten werden Sie also auch im Futur zwei nie gewesen sein?

Welzer: Südamerika, Afrika, Australien, Indien – ach, ich werde eigentlich kaum irgendwo gewesen sein. Aber das brauch ich ja alles gar nicht, um ein erfülltes Leben zu haben. Außerdem ist Fliegen schon lange kein Vergnügen mehr, sondern eine reine Demütigungsprozedur.

SZ: Wie kommen Sie zu Ihren Studenten nach St. Gallen und Flensburg?

Welzer: Mit dem Zug natürlich.

SZ: Und Ihr Mercedes (Welzer hat Autos geliebt)?

Welzer: Den habe ich nur noch, weil ich ihn so wunderschön finde. Der steht zu Hause in der Garage, unter einem dieser Autopyjamas.

Wilfried Scharf: So sehr ich mit Welzer sympathisieren möchte, komme ich über meine Skepsis nicht weg. Zwar reise ich ohnehin nicht gerne und brauche nicht nach Patagonien und in den Himalaja (lasst mir bitte die Nordsee, die Riviera und die Normandie!), doch setze ich nicht auf die arbeitslosen Männer in der arabischen Welt und in Spanien. Von denen kommt doch nur die Gewalt. Ich bleibe weiter bei den Hoffnungen auf Sozialpolitik: Ausbildung und Bildung, Sprachen lernen, Integration, Einwanderung nach Europa und Deutschland, Friedfertigkeit und sozialer Ausgleich. Am Ende sollten wir viele zu Gewinnern machen. Das sehe ich bei den jungen Männern in der arabischen Welt überhaupt noch nicht.

Und ich möchte weiter aus der Sofaecke kommentieren.

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