Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. kam überraschend. Er ist gut vorbereitet. Und er ist mit den schwindenden Kräften des Mannes auf dem Stuhl Petri wohl begründet. Das nötigt Respekt ab. Papst Benedikt XVI. musste die lange und unsägliche Tradition überwinden, dass ein Papst nicht zurücktritt, sondern im Amt stirbt. Das hatte sein Vorgänger mit aller erforderlichen Konsequenz vorgelebt. Er wollte sein Leiden am Ende seines Lebens zeigen. So kommt es, wenn die Betrachtung der Welt auch darin liegt, dass Leiden sinnvoll sein soll. Papst Benedikt XVI., ein gelehrter erzkonservativer Theologe, der Präfekt der Glaubenskongregation war, hat für seinen Rücktritt Dank verdient. Denn er eröffnet damit für die katholische Kirche neue Möglichkeiten. Er hat den Beginn vom Ende der Gerontokratie eingeläutet. Ich darf das schreiben, weil ich selbst der Gruppe der Über-Fünfundsechzig-Jährigen angehöre. Was vielleicht einmal als Bedingung für Weisheit angesehen wurde, das Alter, zeigt sich auf der Welt noch häufig in der Herrschaft alter und starrsinniger Männer, die die Welt nicht mehr verstehen. Die Möglichkeiten, die der Rücktritt Benedikts XVI. eröffnet, können von den Gegnern der katholischen Kirche nun dazu verwandt werden, zu hohe Erwartungen zu schüren. Weil sie zu hoch geschraubt sind, sollten wir uns dem nicht anschließen, sie würden nur den vielen Millionen und Aber-Millionen von Katholiken schaden, die ohnehin dann die Leidtragenden sind, wenn die kirchlichen Apparate nicht zuletzt um des Machterhalts willen auf Tradition schalten. Und so sehr im Rücktritt Benedikts XVI. Größe liegt, so will diese richtig verstanden werden.
Heribert Prantl (SZ 12.2.13) schreibt dazu: „In dieser Größe liegt aber etwas sehr Bitteres, ja Tragisches – weil die Kraft sich eben erst im Abschied zeigt. Nur mit seinem Rücktritt sprengt Benedikt die Ketten der Tradition, überall sonst hat er an den Ketten der Tradition nicht gerührt, da und dort hat er sie sogar verstärkt; nur dieses eine Mal wächst er über sich, über sein Herkommen, sein traditionelles Verständnis von Kirche, nur dieses eine Mal wächst er hinaus über das, was schon immer galt in der Kirche. In all den Problemen, die die Kirche im dritten Jahrtausend bedrängen, blieb er der Papst des zwanzigsten Jahrhunderts, der Papst, in dem die theologische Weisheit des zweiten Jahrtausends zu Hause war – die ihm aber das Verständnis für das dritte Jahrtausend nicht brachte. Benedikt war und ist der letzte der alten Kirchenväter – er hat über Augustinus promoviert und sich über den Franziskanerphilosophen Bonaventura habilitiert. Er denkt mit ihnen und lebt in ihren Lehrgebäuden. Er hat das Neue nicht gewagt. In seinem letzten Buch über die Kindheitsgeschichte Jesu hatte er nicht die Kraft, das Dogma von der Jungfrauengeburt verständlich zu interpretieren; er hat nur auf die Möglichkeiten verwiesen, die Gott hat.“
Es sind ja viele Fragen, denen die Kirche sich zu stellen hat: die Rolle der Frauen, der Zölibat, die Sexualmoral, die Aufgabe der Kirche in der Weltgesellschaft, die Ökumene, der Umgang mit geschiedenen und wiederverheirateten Paaren, die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, die Abweisung von vergewaltigten Frauen in Kliniken. Etc.
Vor allem die vielen aufgeschlossenen und weltoffenen Katholiken, die ich kenne, sind es, die es verdient haben, dass die Amtskirche sich reformiert.