258: Hat der Marxismus doch recht?

Franziska Augstein ist eine der besten und vielseitigsten Journalisten in Deutschland. Dass sie die Tochter Rudolf Augsteins ist, darf nach den Kriterien der politischen Korrektheit wahrscheinlich gar nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Mir erscheint es doch erwähnenswert. Augstein schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ). In viele ihrer Berichte und Reportagen fließen sehr viel Allgemeinwissen und wissenschaftliche Erkenntnisse ein. Sie interessiert sich für die Ursachen von Erscheinungen und beleuchtet häufig die Hintergründe von Gegebenheiten.

Nun widmet sich Augstein (SZ 21.9.12) der europäischen Schuldenkrise mit der These „Warum Marx recht hat“. Ihr widerspricht auf der gleichen Seite Nikolaus Piper. Und ich kann nur sagen, dass beide auf sehr hohem Niveau argumentieren, auch wenn beide Fehler machen. Diesen Fehlern widme ich mich hauptsächlich. Das ist natürlich ungerecht. Aber sonst wird das hier zu lang.

Augstein möchte die Annahme belegen, dass Marx‘ Gesellschaftstheorie großes analytisches Potential hat und geeignet ist, die gegenwärtige Schuldenkrise in Europa zu erklären und sie zu bekämpfen. Das ist nun an einigen Stellen der Fall, an anderen nicht. Schon im Titel „Warum Marx recht hat“ ist – möglicherweise unbewusst –  eine Auffassung enthalten, die ich zurückweise. Hier erscheint es so, als ob Marx noch eine treffende Analyse anstellen konnte, einige seiner Nachfolger wie Lenin, Stalin, Mao aber nicht. Marx soll von diesen abgesetzt und für sakrosankt erklärt werden. Das ist unberechtigt, weil sich alle Genannten auf ihn bezogen und teilweise ausdrücklich erklärt haben, dass sie seine Theorie nicht erweitern wollten, sondern auf eine spezielle Lage anwendeten. So beispielsweise Lenin, der die Marxsche Theorie auf Russland bezog. Am deutlichsten wird das an der Gewaltfrage. Marx wie Engels haben ausdrücklich die Anwendung von Gewalt im politischen Kampf befürwortet. Dies unseren lieben Pazifisten ins Stammbuch.

Augstein gelingt es andererseits zu zeigen, dass Marx‘ Analyse vielfach heute noch stichhaltig ist. Sie setzt dazu gezielt bestimmte Begriffe ein, z.B. den des „Fetischcharakters“. Augstein: „Der Fetisch-Charakter der Ware zeigt sich an den Produkten der Finanzmarktindustrie viel deutlicher als an industriell erzeugten Gütern, die man anfassen kann. Erstere haben jenseits des Marktes keinen erdenklichen Nutzen mehr.“ Das stimmt. Es ist aber nicht richtig, dass Marx ökologisch argumentiert hat. Vielmehr war er ein Anhänger des Wachstums (der Produktivkräfte) und hat den Kapitalismus für dessen anfängliche Wachstumsdynamik bewundert.

Augstein findet in zeitgenössischen Bootsflüchtlingen die Verkörperung des Begriffs des Proletariers. Warum nicht. Er hat kein Vaterland mehr und nichts zu verlieren als seine Ketten. Augstein: „Die heutige Krise gilt vielen als größte Krise des Kapitalismus. Die Deregulierung der Finanzmärkte, die um 1980 begann und bis über das Jahr 2000 fortgesetzt wurde, hat diese Krise erwirkt.“ Richtig. Den Begriff des Klassenkampfs wendet Augstein so, dass es den wohlhabenden Ländern nicht gelingen werde, auf Dauer die armen Nachbarn in Schach zu halten. Eigenwillig interpretiert, aber vielleicht hinnehmbar. Augstein behauptet, Marx habe sich Massenmord und Gulag nicht vorstellen können. Das mag sein. Aber Marx‘ Apodiktik hat sie vorbereitet.

Es darf nicht übergangen werden, dass Augstein Marx kritisch sieht. „Marxens Konzept, warum eine Revolution kommen müsse, war falsch.“ Das sieht Augstein sehr richtig. Und hier kommen nun zwei Wörter aus Augsteins Artikel ins Spiel, die nicht unterschätzt werden sollten. „Was tun?“ Das ist tasächlich die Frage. Sie hat sich Lenin in seiner Schrift „Was tun?“ von 1903 auch gestellt. Er ist darin zu dem Schluss gekommen, dass die Proletarier die von den marxistischen Theoretikern ausgedachte Revolution gar nicht wollen, sondern von Berufsrevolutionären dazu gezwungen werden müssen. Von hier an wurde die Demokratie im Sozialismus abgeschafft. Der Gewalt, dem Mord an den Kulaken in den zwanziger Jahren, dem Archipel Gulag wurden Tür und Tor geöffnet. Stalin hat mehr deutsche Kommunisten umgebracht als Hitler.

Nikolaus Piper versucht, Franziska Augstein zu widerlegen. Auch er erkennt zunächst an, dass mit der Marxschen Methode viele Krisen bis in die Gegenwart erklärt werden können. Als Ursache sieht er hauptsächlich unkontrollierte Spekulation. „Seither ist es guter Brauch unter Marxisten, jede schwere Krise als die finale des Kapitalismus zu deuten.“ Lenin schrieb dazu 1916 „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Piper stört sich zu recht am Historischen Materialismus, der alle Epochen in den vorgeschriebenen Gang der Geschichte einordnet und dann vom „Spätkapitalismus“ spricht. Karl Raimund Popper nannte dies das „Elend des Historizismus“. Piper hat recht damit zu behaupten, dass bisher alle Krisen überwunden worden sind. Aber zu welchem Preis? Und wer hat ihn bezahlt?

„Marx war gut, wenn er beschrieb. Aber er irrte fast immer, sobald er die Geschichte voraussagen wollte. … Er irrte auf spektakuläre Weise, als er die ‚Verelendung‘ des Proletariats vorhersagte. Seit Marx‘ Zeiten hat sich die Weltbevölkerung fast versiebenfacht, trotz Krise leben die Arbeiter in den alten Industrieländern in vergleichsweise großem Wohlstand, der Anteil der Armen in der Welt war noch nie so gering wie heute.“ Gute Argumente. Piper kritisiert die Marxsche Arbeitswertlehre, wonach allein die menschliche Arbeit produktiv ist. Piper kommt nicht klar mit dem „Klassenkampf“. Aber der findet statt, egal was Stalin oder Mao für Gewalt daraus entfacht haben.

Wir sehen also, dass an einigen Stellen Augstein, an anderen Piper recht hat. Was wir aber vor allem erkennen können, ist, dass der real existierende Sozialismus 72 Jahre lang, von 1917 bis 1989, wirtschaftlich völlig ineffektiv war und die Armut und die soziale Rückständigkeit nicht beseitigen konnte. Marx hatte sich vorsichtshalber gar nicht damit beschäftigt, wie die sozialistische Wirtschaft einmal aussehen könnte. Er war stark in der Analyse, die partiell heute noch gültig ist, und schwach in der Konstruktion. Er hat einen Staat wie die Sowjetunion vorbereitet, in dem es weder Demokratie gab noch Menschenrechte anerkannt wurden. Er hat den Archipel Gulag möglich gemacht. Und Gewalt schien den Kommunisten immer erforderlich. Bis hin zum Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 in Peking. Egon Krenz, der seinerzeitige SED-Vorsitzende, hat es ausdrücklich gelobt. Erinnern wir uns noch daran, was Gregor Gysi als damaliges SED-Mitglied dazu gesagt hat?

Der Kommunismus, der tatsächlich auf Marx zurückgeführt werden kann, hat total versagt. Er anerkannte keine Menschenrechte, war undemokratisch, korrupt und am Ende pleite. Zu schweigen von den vielen Menschen, die von ihm geopfert worden sind. Der Kommunismus hat uns Staaten hinterlassen wie Weißrussland, wo heute noch der KGB herrscht. Deswegen hat im Ergebnis Franziska Augstein unrecht, wenn sie über Marx sagt, dass er recht habe. Seine Analyse hat fürchterliche Folgen gehabt. Das beruhte daruf, dass er alle Erscheinungen auf Vorgänge in der ökonomischen Basis zurückgeführt und dies damit zum Dogma erhoben hat. Diese Erklärung aus einem Grund ist die Ursache für das Versagen des Kommunismus.

Im demokratischen Sozialismus hat es durchaus Alternativen gegeben. So in Eduard Bernsteins „Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie“ von 1899. Dort heißt es u.a.: „Der Eklektiszismus – das Auswählen aus verschiedenen Erklärungen und Behandlungsarten der Erscheinungen – ist oft nur die natürlich Reaktion gegen den doktrinären Drang, alles aus einem herzuleiten und nach einer und derselben Methode zu behandeln. Sobald solcher Drang überwuchert, wird sich der eklektische Geist immer wieder mit elementarer Gewalt Bahn brechen. Er ist die Rebellion des nüchternen Verstandes gegen die jeder Doktrin innewohnende Neigung, den Gedanken ‚in spanische Stiefel einzuschnüren‘.“ Bernstein war der Begründer des Revisionismus, den die SPD stets praktiziert hat, auch wenn Bernstein sich zunächst nicht durchsetzen konnte. Dadurch wurden Marxsche Fehler vermieden.

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