Vielen gilt Gerald Hüther, der Direktor der Zentralstelle für neuro-biologische Präventionsforschung an der Georg-August-Universität Göttingen, als der klügste Bildungsexperte. Der Neurobiologe hat gerade sein neues Buch „Jedes Kind ist hochbegabt“ vorgelegt. Christian Bleher (taz 5.9.12) hat ihn interviewt. Wem der Titel des Buches befremdlich klingt, der sollte sich klarmachen, dass damit hauptsächlich gemeint ist, dass in allen Kindern Potenzen schlummern, die von kundigen Pädagogen geweckt werden sollten. Nach Hüther geht es beim Lernen nicht mehr in erster Linie um „rein analytisch-kognitive Fähigkeiten“, sondern um die „Kreativität“ der Tüftler und Erfinder.
Und Hüther kennt sehr wohl moralische Werte. Im Falle von Schanghai, das beim Pisa-Test die besten Ergebnisse erzielt hat, fügt der Göttinger Professor an: „Es ist ein unmenschliches System.“ Auch volkswirtschaftlich hält Gerald Hüther neue Schulen für dringend erforderlich. „Man sollte vielleicht mal ausrechnen, wie groß der Schaden ist, den schon allein ein einziger Mathematiklehrer anrichtet, der es jedes Jahr fertigbringt, zehn Prozent seiner Schüler die Lust auf Mathe zu versauen.“ Dann verliere der Schüler nämlich nicht nur die Lust an Mathe, sondern auch an Naturwissenschaften.
Hüther spricht davon, dass wir in der Schule Lehrer brauchen, „die Kindern nicht etwas beibringen wollen, sondern etwas aus ihnen herausholen“. Es soll 2013 ein Masterstudiengang „Potenzialentfaltungscoach“ gestartet werden. Hüthers gemeinsam mit Stephan Breidenbach (Viadrina School of Governance) und der Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld gegründete Initiative „Schule im Aufbruch“ will sogar den Föderalismus im Bildungssystem begrenzen. „Wenn die Politik es nicht hinkriegt, müssen wir eben selber ran.“ Die erste Fähigkeit des „Potenzialentfaltungscoachs“ muss nach Hüther sein, „jeden Schüler für etwas zu begeistern, was dem auf den ersten Blick egal ist“. „Die Hirnforschung bestätigt: „Nur wenn man mit innerer Beteiligung lernt, also wenn es für einen selbst bedeutsam ist, werden im Gehirn jene neuroplastischen Botenstoffe ausgeschüttet, die die Verankerung von neuen Netzwerken fördern.“
Die Initiative „Schule im Aufbruch“ setzt auf Lernteams von Schülern. Das entfalte bislang nicht gekannte Lerndynamiken. Noten dürften als Auswahlkriterien nicht benutzt werden. Hüther formuliert an manchen Stellen überraschend klar: „Es sind schon immer zu viele nach unten durchgefallen. Und heute kann man sich nicht mal mehr darauf verlassen, dass die, die mit 1,0 abschließen, auch die Besten sind.“ Schulen, die Hüthers Zielen verpflichtet sind, gibt es in Deutschland seiner Meinung nach schon. Eine dieser Schulen hat in der 8. Klasse eine Schülerfirma, die Lehrerfortbildungen für Lehrer anbietet. „Das ist den Rückmeldungen der Lehrer zufolge oft die wirksamste Art von Fortbildung, die sie je hatten.“
Gerald Hüther spricht ausdrücklich von Hochleistungsschulen. Und vieles von dem, das thematisiert wird, ist nicht unbedingt neu, aber wohl noch nie konsequent ausprobiert worden. Da, wo Hüther die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen als beste Schule Deutschlands für ihr selbstgestaltetes Lernen lobt, bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm zustimmen kann. „Ein hervorragendes Abitur machen dort auch jene, die anderswo von vornherein abgewiesen worden wären.“
Beeindruckend ist der Elan, mit dem Gerald Hüther vorgeht. „Ich bin extrem optimistisch. Wie schnell die DDR zusammengebrochen ist, das hätte auch keiner geglaubt. Die alte Form von Schule wird es in sechs Jahren schon nicht mehr geben, davon bin ich überzeugt.“