250: Documenta-Resümee von Gottfried Knapp

Gottfried Knapp kennen viele von uns nicht nur als Kunstkritiker. Und viele schätzen ihn wegen seines Wissens und seines Überblicks. Den stellt er jetzt wieder unter Beweis bei seinem Resümee der Documenta 13 (SZ 7.9.12).

„Wenn man die Documenta 13 mit ihren Vorgängerausstellungen vergleicht, kommt man zu dem Schluss, dass die allmähliche Emanzipation der Welt-Kunstschau von den klassischen Idealen der bildenden Künste in diesem Jahr ihren Höhepunkt erreicht hat.“

„.. wer sich während der 100 Tage auch nur einen andeutenden Überblick über die Orte der Ausstellung und über die zahllosen begleitenden Aktivitäten verschafft hat, der muss den Eindruck bekommen, dass hier nahezu alles, was den Verstand, die Sinne oder die Emotionen anzusprechen vermag, was Neugier oder Leidenschaft erregen kann, hier als ausstellungwürdig empfunden worden ist. Und entsprechend unbelastet von traditionellen Kunst-Vorstellungen und unbehelligt von lähmenden Ansprüchen kann das in Massen strömende Publikum auf die Exponate reagieren.“

„Müsste man vor einem Gremium von Kuratoren den Rang der Documenta 13 definieren, würde schon eine Aufzählung der international hochgeschätzten Künstler genügen, die wichtige Arbeiten nach Kassel geschickt oder dort realisiert haben. Janet Cardiff & George Bures Miller wären hier zu nennen, oder William Kentridge, Tino Sehgal, Francis Alys, Tacita Dean oder Giuseppe Penone.“

„Vor allem im Park der Fulda-Aue kommt es zu einem Stau aufklärerischer Pamphlete, ökologischer und ethnologischer Manifeste. Nur wenigen dieser Arbeiten kann man ein gestalterisches Niveau bescheinigen, das einer Ausstellung des Kasseler Anspruchs entsprechen würde. Man fühlt sich an Fernsehsendungen wie das „Auslandsjournal“ erinnert – mit dem Unterschied, dass die im Fernsehen gezeigten Beispiele sehr viel direkter und wirkungsvoller zur Sache kommen. Auch fragt man sich, warum so viele penetrant naturechte, forsttaugliche Holzhütten in den Park gesetzt wurden, wenn diese Ökoschreine am Ende wieder nur ein paar Videoschirme oder andere elektronische Anlagen beherbergen sollten.“

„Von der in fünf Jahren fälligen 14. Ausgabe der Documenta wünscht man sich darum, dass sie wieder zu Themen zurückfindet, dass sie Maßstäbe zu setzen versucht – auf welchen Gebieten auch immer. Man kann darum der Stadt Kassel, die auch in diesem Jahr organisatorisch wieder Großes geleistet hat, nur Glück wünschen bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten für die Leitung.“

(Für Gabi und Klaus Petrich)

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