220: Milton Friedman 100

100 Jahre wäre Milton Friedman, der „Papst“ des Neoliberalismus, am 31.7.2012 geworden. Er ist 2006 gestorben. Gehasst von allen sozialdemokratisch-gewerkschaftlich orientierten Wirtschaftswissenschaftlern und Ideologen. Denn Friedman war tatsächlich ein radikaler Liberaler, der gegen Ende seines weithin in der Öffentlichkeit stattfindenden Prominentenlebens, relativ kompromisslos in seinen ökonomischen Ratschlägen geworden war. Sein Rat war in der ganzen Welt gefragt. Die SZ (Nikolaus Piper) widmet Friedman am 28./29.7. ihre „Seite drei“.

Milton Friedman wuchs als Kind armer jüdischer Einwanderer aus der Karpatho-Ukraine in ärmlichen Verhältnissen in New York auf. Er wurde neben John Maynard Keynes, seinem theoretischen Widersacher, und August von Hayek zum einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Und manche Aussage Friedmans kommt uns unter dem Druck der Euro-Krise schon fast prophetisch vor. „Eine Währungsunion, die unter ungünstigen Bedingungen oktroyiert wird, wird sich als Hindernis für das Erreichen von politischer Einheit erweisen.“

Friedmann war dadurch ausgezeichnet, dass er sich auch Nicht-Ökonomen verständlich machen konnte. Sein „Schlüsselerlebnis“ war wie für viele andere Wissenschaftler und Politiker auch die Weltwirtschaftskrise 1929. An der Universität von Chicago fand er 1932 seine weltanschauliche und wissenschaftliche Heimat. Hauptmerkmal der Chicago-Schule war der Glaube, dass der Preis die Wirtschaft effizient steuern könne. Vorausgesetzt der Staat mischte sich nicht ein. Nach Friedmann ist der Kapitalismus „inhärent stabil“.

Friedman vertrat tatsächlich die Meinung, dass der Staat sich aus den Schulen zurückziehen solle. Dafür könne er „Bildungsgutscheine“ ausgeben. Friedman wollte die „Wohlfahrt“ abschaffen und durch eine „negative Einkommenssteuer“ ersetzen. Er war gegen die Wehrpflicht und für die Freigabe von Drogen. Für Friedmanns Gegner, die Keynesianer, ist der Kapitalismus „inhärent instabil“ und braucht die Hilfe des Staates. 1933 startete Fraklin Delano Roosevelt, der US-Präsident, seinen „New Deal“.

Friedmans Hauptwerk ist die „Monetäre Geschichte der Vereinigten Staaten 1857-1960“, das er 1963 mit der Wirtschaftshistorikerin Anna Schwartz veröffentlichte. Danach sollen die Notenbanken dafür sorgen, dass die Menge des umlaufenden Geldes permanent wächst (Monetarismus). Friedman, der 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam, hat auch heute noch viele bekannte und einflussreiche Anhänger. Der gegenwärtige Präsident der US-Notenbank, Bernard Bernanke, sagte 2002 zum neunzigsten Geburtstag Friedmans: „Was die Weltwirtschaftskrise betrifft. Sie hatten Recht, wir (die Notenbanker) waren die Schuldigen. Aber dank Ihnen werden wir den Fehler nicht nochmals begehen.“

1964 beriet Friedman den reaktionären republikanischen Senator Barry Goldwater und mobilisierte eine neue Generation von „Konservativen“. Margaret Thatcher in Großbritannien (seit 1979) und Ronald Reagan in den USA (seit 1980) ließen sich programmatisch von Friedman inspirieren und wirtschaftspolitisch beraten. Es begann das, wie wir heute wissen, brandgefährliche Programm der Privatisierung und Deregulierung, das uns wieder in eine Weltwirtschaftskrise geführt hat.

Der dunkelste Punkt in Friedmans öffentlichem Leben ist aber die Unterstützung des 1973 an die Macht gekommenen chilenischen Diktators Augusto Pinochet. Der ließ sich von den „Chicago Boys“ beraten, „Schülern“ von Friedman. Dieser selbst war kein Berater von Pinochet, aber er besuchte Chile 1975 und wurde auch von dem Dikatator empfangen. Das Programm der „Chicago Boys“ bedeutete Privatisierung von staatlichen Unternehmen und der Sozialversicherung, Senkung von Zöllen und Steuern, Unterdrückung der Gewerkschaften, Abschaffung staatlicher Vorschriften wie des Mindestlohns. Das klingt wie ein Programm zur Bereicherung der Reichen und zur weiteren Verarmung der Armen.

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