Die Schriftsteller und Übersetzer Julie Zeh und Ilja Trojanow beschäftigen sich mit Sicherheitswahn und Überwachung und haben 2009 gemeinsam „Angriff auf die Freiheit“ veröffentlicht. Jetzt beschäftigen sie sich mit dem Aufruf von rund 6.000 „Kulturschaffenden“ gegen die Abschaffung des Urheberrechts („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, 3. Juni 2012). Nach der Meinung von Zeh und Trojanow soll das Urheberrecht aber gar nicht abgeschafft werden. Außer vielleicht von den Piraten. Für Zeh und Trojanow besteht das politische Bewusstsein von deutschen Intellektuellen hauptsächlich in der Angst, durch das Internet finanzielle Einbußen zu erleiden.
Die beiden Autoren geben uns einen, wie ich finde, sehr interessanten Einblick in das Leben und die finanzielle Situation von Schriftstellern. Die meisten leben nach Zeh/Trojanow gar nicht vom Buchverkauf. In Deutschland sei ein belletristisches Werk, das sich 3.000 Mal verkaufe, kein Flop. Fünftausend verkaufte Exemplare seien ein Achtungserfolg, zehntausend ein richtiger Erfolg. Mit 20.000 Exemplaren werde man „Bestsellerautor“. Bei branchenüblichen Tantiemen von zehn Prozent und einem Ladenpreis von rund zwanzig Euro liege der Gesamtverdienst eines „normalen“ Autors also – vor Steuern – zwischen 6.000 und 40.000 Euro. Gehe man von zwei bis drei Jahren Arbeitszeit für die Fertigstellung eines Romans aus, komme man auf ein Monatsgehalt zwischen „fast nicht vorhanden“ und „äußerst bescheiden“.
Die meisten Autoren lebten tatsächlich von einem gut ausgebauten Subventionssystem: Literaturpreise (etwa 1.500), Arbeits- und Aufenthaltsstipendien, Sozialleistungen (Künstlersozialkasse), Auftragsarbeiten von Theatern und Rundfunk (öffentlich-rechtlich), Poetikvorlesungen und Gastprofessuren sowie den weit verbreiteten Lesungen, die ebenfalls öffentlich gefördert würden. Zeh und Trojanow sind der Meinung, dass in Deutschland Künstler keineswegs geringgeschätzt werden.
Der Aufruf der sechstausend „Kulturschaffenden“ leide daran, dass nicht klar genug zwischen Urhebern und Verwertern unterschieden würde. Schon vor zehn Jahren sei es aber darum gegangen, die Urheber gegenüber den Verwertern zu stärken. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ habe 2007 vorgeschlagen, den urhebervertragsrechtlichen Schutz gegenüber den Verwertern zu verbessern. Geschehen sei aber nicht viel, Übersetzer nagten am Hungertuch und Zeitungskonzerne nähmen freiberuflichen Journalisten mithilfe von Buyout-Verträgen ihren „Content“ ab, um ihn im Internet in alle Himmelsrichtungen zu verkaufen, ohne die Urheber am Erlös zu beteiligen. „Ohne einen Krieg zwischen Künstlern und ‚Content-Mafia‘ heraufbeschwören zu wollen, zeigt ein nüchterner Blick auf die politische Realität, dass die Unterzeichner des Aufrufs einen fremden Karren ziehen.“
Es gäbe keine einzige Gesetzesinitiative zur Abschaffung des Urheberrechts, aber sehr viele Ansätze zur Überwachung des Internets. Alles Mögliche werde mühelos mit dem „Schutz von Urheberrechten“ begründet. Die Überwachung von Kunden durch ihre Provider, Kinderpornographiebekämpfung, Terrorismusverfolgung und anderes mehr. „Die Politik ins Blaue hinein zum Handeln aufzufordern, führt bestenfalls dazu, dass irgendwelchen absurden Gesetze erlassen werden, die in der Praxis mehr Schaden als Nutzen stiften. Zukunftsangst und Kulturpessimismus sind schlechte Ratgeber.“
So ist es tatsächlich.