548: Thomas Mann „hinterging“ Arnold Schönberg.

Nuria Schoenberg Nono ist die Tochter Arnold Schönbergs (1874-1951), des Erfinders der 12-Ton-Musik. Sie war die Frau Luigi Nonos (1924-1990), des avantgardistischen Komponisten. Beider Erbe versucht sie zu bewahren. Susanne Schneider hat sie für das SZ-Magazin (6.12.13) interviewt.

SZ-Mag: Ihr Vater hatte ja auch einen kleinen Disput mit Thomas Mann.

Schoenberg Nono: Einen großen.

SZ-Mag: Einen großen?

Schoenberg Nono: Das ist wirklich eine scheußliche Geschichte, die passierte, als mein Vater schon alt und krank war. Als er 1933 von Wien in die USA emigriert ist, hat er alles zurücklassen müssen, seine Schüler, Freunde. Er fühlte sich einsam. Aber ich glaube, hätte er sich nicht so über Thomas Mann ärgern müssen, hätte er länger gelebt.

SZ-Mag: Sie spielen auf den Roman „Doktor Faustus“ an, in dem Adrian Leverkühn die Zwölftonmusik erfindet, die in Wahrheit Ihr Vater erfunden hat?

Schoenberg Nono: Mann hat sich in den USA hinter seinem Rücken von Theodor Adorno die Methode der Zwölftonkomposition erklären lassen für seinen „Doktor Faustus“, Adorno war ja nicht nur Philosoph, sondern auch Musiktheoretiker. Leider war Leverkühn das komplette Gegenteil meines Vaters. Er hat sie für sich selbst erfunden, aber nicht, weil er wie Leverkühn etwa Syphilis hatte oder verrückt war oder das Ende der deutschen Kultur repräsentierte.

SZ-Mag: Soll ein Schriftsteller nicht die Freiheit haben, eine Figur nach seiner Fantasie auszuschmücken?

Schoenberg Nono: Mein Vater und Thomas Mann haben sich in den Vierzigerjahren öfter in L.A. gesehen, aber Mann hat ihm nie gesagt, dass er gerade an diesem Roman schreibt. Und seit der Briefwechsel zwischen Mann und Adorno veröffentlicht wurde, weiß man, die beiden haben es meinem Vater bewusst verschwiegen, weil sie fürchteten, er wäre dagegen, so charakterisiert zu werden. Wie alle Deutschen hatte er einen großen Respekt vor Thomas Mann. Früher hatten sie einander ihre Bücher gewidmet und dann hintergeht der eine den anderen so.

SZ-Mag: Jetzt, fast 70 Jahre nach Erscheinen von „Doktor Faustus“, denken Sie, es sind Ihrem Vater Nachteile dadurch entstanden?

Schoenberg Nono: Oh ja. Immer noch sagen Leute zu mir: Ich weiß alles über Ihren Vater, ich habe „Doktor Faustus“ gelesen. Genau das hat er befürchtet und es hat ihn so gekränkt.

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