Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Vorsitzende der Linken im Deutschen Bundestag, rezensiert Rüdiger Safranskis „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ (Hanser, 27,90 Euro) in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) vom 27. Oktober 2013 und erweist sich dabei als profunde Goethe-Kennerin. Das können wir von keinem Politiker erwarten. Wagenknecht steht dabei in der Tradition Georg Lukacs‘ und Peter Hacks‘. Rüdiger Safranski hat sich schon als Biograf anderer Geistesgrößen (z.B. Heidegger) und als Fernseh-Moderator einen Namen gemacht.
Zunächst lobt Wagenknecht Safranski dafür, dass er Goethe nicht unter den weit verbreiteten Stereotypen laufen lässt wie dem
– vom kleinkarierten Pedanten oder
– vom Leben verwöhnten Egoisten oder
– vom Antidemokraten und politischen Opportunisten oder
– vom selbstsüchtigen Macho, der seine Frauen schlecht behandelt hat.
„Safranski stellt dieser Kleinmacherei die sympathische These entgegen, dass Goethes Größe nicht zuletzt darin besteht, dass er es tatsächlich geschafft hat, ein Mensch zu sein und als solcher zu leben: selbstbestimmt, souverän, in Würde. Er war ein Mensch gerade weil er ein Leben lang darum gerungen hat, sich zu dem zu machen, der er war. Das war harte Arbeit und keineswegs selbstverständlich.“
„Goethe hat die drohende Zerstörung von Kultur, Zivilisation und Humanität in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft bereits lange vor Marx mit verblüffender Klarheit vorhergesehen. Ihm graute vor Verhältnissen, in denen sich alles rechnen muss. Eine gesellschaftliche Ordnung, in der die wertvollsten Eigenschaften des Menschen – Liebesfähigkeit, Sehnsucht nach menschlichen Bindungen, nach Harmonie und Schönheit – verkümmern lässt und seine schlechtesten – Habsucht, Egoismus, soziale Ignoranz – gnadenlos kultiviert, musste Goethe als Affront gegen den Kerngedanken seiner Literatur empfinden. Der Homo oeconomicus, der Mensch als von niederen Instinkten angetriebener roboterhafter Nutzenoptimierer, ist die fundamentalste Infragestellung des klassischen Menschenbildes, die sich denken lässt.“
„Fausts letzte Wort sind eine Liebeserklärung an die Menschheit, während Halbtote unter Mephistos Oberbefehl damit beschäftigt sind, sein Grab zu schaufeln. Vielleicht hat der alte Goethe seine Lebensumstände genau so grotesk empfunden?“
„Wirklich ‚erbärmlich‘ endet übrigens Mephisto. Der Menschenverächter wird in dem Augenblick, als er sich Fausts Seele schnappen will, ausgerechnet von der schönsten aller menschlichen Leidenschaften, von dem Gefühl der Liebe, überwältigt. Das währt natürlich nicht lange, aber es genügt, um den Engeln Gelegenheit zu geben, mit Fausts Seele gen Himmel zu fliegen. Mephisto verflucht sich und seine ‚Torheit‘ und steht ziemlich belämmert da.“
Kommentar W.S.: Wer Goethe so gut kennt, ihn als Seelenverwandte so überzeugend und stilsicher loben kann, kann die eine schlechte Politikerin sein? Ein bisschen zu klassisch angelegt diese Rezension. Aber sie wird Goethe und Safranski gerecht.