498: Klaus Theweleit: Mythen, Männer, Gewalt und die Hilfe der Königstöchter

Klaus Theweleit kennen wir als Autor der „Männerphantasien“ aus den späten siebziger Jahren. Das war Teil der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Es ging um den „soldatischen Mann“. Inzwischen hat Theweleit den Band 2 des „Buchs über die Königstöchter“ vorgelegt, worin er die Rechtfertigung von Gewalt, Kolonialismus, Sexismus und Landnahme durch die „Königstöchter“ behandelt. Es geht um den Mythos von der Königstochter, die sich und das Land dem Kolonisator übergibt. Wie die indianische Königstochter Pocahontas 1623 in Jamestown dem Kolonisatoren-Kapitän John Smith geholfen hat und damit Amerika übergab. Klaus Theweleit argumentiert psychoanalytisch. Bei seinen Büchern arbeitet er eng mit seiner Frau zusammen, die Psychoanalytikerin ist. Ulrike Fokken und Edith Kresta haben den Autor in der „taz“ interviewt (5./6.10.13).

taz: Warum halten sich Mythen so lange?

Theweleit: Der Pocahontas-Mythos ist nützlich für den Kolonisator, weil der seine Gewalttat durch die Einkleidung in eine Liebesgeschichte viel angenehmer erzählen kann. Diese Geschichte lässt den Kolonisator im Lichte eines bewunderten Geliebten erscheinen. Das erzählt man dann lieber als Mord und Totschlag.

taz: Ist heutige Landnahme friedlicher, unpersönlicher, technokratischer? Aus Afghanistan oder dem Irak hört man nicht von Vergewaltigungen.

Theweleit: Heutige Landnahmen brauchen die reale Königstochter nicht mehr. Auch nicht die Erzählung. Die Vergewaltigungen gehen unabhängig davon weiter. Es gibt keine Armee, keine Blauhelme, keine US-Truppen, die nicht vergewaltigen. Das wird zwar abgestritten, aber Vergewaltigungen gehören zum zugestandenen Verhaltensspielraum für erobernde Soldaten. Der Spaß am Töten gehört zum Krieg. Soldaten loszuschicken impliziert Mord und Vergewaltigung. Immer.

taz: Wie reagieren sich Intellektuelle ab? Politiker, Journalisten, Lehrer?

Theweleit: Die setzen sich an den Biertisch und machen Leute zur Sau. Die machen das mit Klatsch.

taz: Die Talkshow als Aggressionsabfuhr?

Theweleit: Auch. Aber der Biertisch ist in der Regel schlimmer. Klatsch und Intrige sind mörderische Mittel.

taz: Würden Sie sagen, dass unsere Gesellschaft weiblicher und freier geworden ist?

Theweleit: Natürlich! Kein Vergleich mit den Sechzigern. Dass Frauen im Beruf noch nicht in so hohe Positionen kommen, wie sie sollten, stimmt. Aber auf der ganzen mittleren Arbeitsebene gibt es kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern – außer in der Bezahlung. Aber im Alltagsverhalten geht es in Richtung Gleichbehandlung.

taz: Was halten Sie von der Frauenquote?

Theweleit: Sie löst das Problem der Ungleichheit nicht. …

taz: Sie sind also gegen die Quote?

Theweleit: Nein, ich bin trotzdem dafür. Sie ist ein wichtiger Schritt und hält das Problem am Kochen.

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