Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Thea Dorn plädiert bedacht für mehr Toleranz gegenüber dem Konservatismus.
1. Sie findet Intoleranz heute nicht nur bei Strenggläubigen, Ideologen und Konservativen, sondern auch bei Liberalen und Weltoffenen.
2. Sie macht darauf aufmerksam, dass Homosexualität erst in den siebziger Jahren straffrei gestellt wurde, dass Ehemänner ihren Frauen bis in die Siebziger die Ausübung eines Berufs verbieten konnten, dass Ehefrauen bis in die Neunziger ihren Mann nicht wegen Vergewaltigung anzeigen konnten, dass Menschen erst vom letzten Jahr an die Geschlechtszugehörigkeit „weiblich“ oder Männlich“ verweigern können (dann heißen sie „divers“). Also alles relativ junge Errungenschaften.
3. „Wollen wir unsere Gegenwart so beschreiben, dass ihr vordringlichstes soziales Ziel darin liegen müsste, die Emanzipationskämpfe der letzten Jahrzehnte mit Schärfe fortzusetzen?“
4. „Oder wollen wir sie so beschreiben, dass viele emanzipatorische Erfolge errungen sind und es nun zunächst einmal darum gehen muss, denjenigen, die von diesen Erfolgen nicht profitiert haben und deren einstige soziale Gewissheiten und Ordnungsvorstellungen erschüttert worden sind – dass wir diesen Teilen unserer Gesellschaft Zeit geben, sich erst einmal mit den bisherigen Veränderungen zu arrangieren?“
5. Für Dorn haben wir in kurzer Zeit relativ viel erreicht, was nicht selbstverständlich sei.
6. Der Schutz der traditionellen Familie, der Religion und des Patriotismus sind für Thea Dorn nicht einfach veraltete, nicht mehr legitime Werte.
7. „50 Prozent der in Deutschland Befragten schätzen die Ideale einer offenen Gesellschaft (wie Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit, Minderheitenschutz oder Gleichbehandlung von Einwanderern) hoch ein und die Ideale einer geschlossenen Gesellschaft (wie Schutz der Landesgrenzen, Dominanz der traditionellen Mehrheitskultur, Homosexuelle sollten sich nicht in der Öffentlichkeit küssen) niedrig.“
8. Anhänger von Idealen geschlossener Gesellschaften, welche die traditionelle Mehrheitskultur bewahren wollen, haben bei Dorn unser Verständnis verdient.
9. „Zum einen müssten diejenigen, die konservative Werte wie Tradition, Familie, Patriotismus nicht (mehr) gelten lassen wollen, erklären, wie sie erreichen wollen, dass kein wüster Kampf aller gegen alle ausbricht, …“
10. „Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben?“
11. Nach Thea Dorn kann eine offene Gesellschaft nur existieren, wenn Menschen bereit sind, auch Dinge, die ihnen nicht passen, zu erdulden.
12. Es ist bei Dorn nicht zu verlangen, dass die gesamte Gesellschaft der Resonanzraum für emanzipatorische Projekte sein soll.
13. „Wenn wir meinen, dass wir emanzipatorische Errungenschaften wie Gleichberechtigung, ein moderneres Staatsbürgerschaftsgesetz, ‚Homo‘-Ehe und die Möglichkeit, sein Geschlecht als divers registrieren zu lassen, nur bewahren können, indem wir den Bürgern dieses Landes vorschreiben, wie sie über diese Themen zu denken und zu reden haben, dann können wir das liberale Projekt gleich beerdigen.“ (Die Zeit 28.3.19)
Kommentar W.S.: Mir erscheinen Thea Dorns Argumente überzeugend.