Die Integrationsdebatte hat verdeutlich, dass unsere Sprache den Schlüssel zur Gesellschaft darstellt. Hauptsächlich die Sprache macht unsere Identität aus. Und wenn es wohl wichtigere Themen gibt, so haben doch Zehntausende von Bundestagspräsident Lammert die Aufnahme von Deutsch in das Grundgesetz gefordert.
In Europa (27 Staaten der EU) ist es schlecht bestellt um die deutsche Sprache. Zwar ist sie neben Englisch und Französisch die dritte gleichberechtigte Arbeitssprache, aber auf der Homepage des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) ist Deutsch nicht verfügbar. Und bei der Ausschreibung der ersten Stellen werden nur Englisch- und Französisch-, aber keine Deutschkenntnisse verlangt. Die Diskrepanz zwischen dem rechtlichen Status des Deutschen und der Praxis ist groß. Viele Initiativen zur Verbesserung der Lage sind gescheitert.
In der EU-Kommission liegen allenfalls zehn Prozent der Dokumente auf Deutsch vor. Dabei ist Deutsch für mehr als 100 Millionen Menschen Muttersprache und damit die größte Sprachgruppe in der EU. Es ist Amts- beziehungsweise anerkannte Minderheitensprache in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Polen, Italien und Frankreich. Außerhalb der EU wird es in der Schweiz viel gesprochen und weithin beherrscht. Deutsch ist weit vor dem Französischen die am zweithäufigsten gebrauchte Fremdsprache in Europa.
Wichtig ist auch, dass bei Entscheidungsprozessen in EU-Organen Deutsch gleichberechtigt ist. Denn die Rechtsgemeinschaft der EU lebt von der Sprache, ihren Bildern und ihrer Fähigkeit zur Begriffsbildung. Es ist sehr schwer, juristische Vorstellungen und Konzepte in eine andere Sprache zu übersetzen. Besonders tief ist der Graben zwischen dem Kontinent und Großbritannien. Die drei prägenden Rechtskreise des Angelsächsischen, Romanischen und Deutschen verlangen es, dass die Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch gesprochen werden. Sprache ist gelebte Kultur und verleiht Identität.
Wahrscheinlich ist es vor allem unsere eigene Schuld, dass Deutsch in Europa solch ein Schattendasein fristet. Denn lange Zeit haben sich unsere Eliten (Politiker, Beamte, Unternehmer, Wissenschaftler) selbst desinteressiert gegenüber der eigenen Sprache gezeigt. Eine vermeintliche Weltläufigkeit verlangte scheinbar das Einstreuen von Anglizismen und Wortprägungen wie „Handy“. Daran geht die Welt nicht zugrunde. Aber Deutsch hat eine Chance in Europa verdient. Pflegen wir es selbst angemessen. Es ist die Sprache von Goethe, Heine, Nietzsche, Benn und Brecht.