Felicitas von Lovenberg (geb.1974) trat mit 23 Jahren ins Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) ein und wurde mit 34 Literaturchefin. 2016 beendete sie ihre journalistische Karriere und ist heute verlegerische Geschäftsführerin des Piper-Verlags. Sie lebt mit Mann und vier Kindern südlich von München. Tobias Haberl hat sie für die SZ (5./6.1.19) interviewt.
SZ: Hannah Arendt sagte 1964 in einem Interview: „Es gibt bestimmte Beschäftigungen, die sich für Frauen nicht schicken, die ihnen nicht stehen“, deswegen solle eine Frau erst gar nicht versuchen, in eine Führungsposition zu kommen, wenn ihr daran liege, ihre weiblichen Qualitäten zu erhalten. Was sagen Sie dazu?
Lovenberg: Ein irrer Satz, erst recht für Hannah Arendt, weil gerade sie ja bewiesen hat, wie man es als intellektuelle Frau schaffen kann, ernst genommen zu werden und trotzdem weiblich zu bleiben.
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SZ: Es gibt das Klischee, dass sich Frauen wie Männer verhalten müssen, um in einer Machtposition zu reüssieren. Stimmt es?
Lovenberg: Ich glaube, es gibt beides: Frauen, die sich vermännlichen, und Frauen, die trotz einer Führungsposition weiblich bleiben. Denken Sie an Angela Merkel, die sich als Kanzlerin die Art von Weiblichkeit bewahrt hat, die ihr nun mal zu eigen ist. Es kommt sicher auch auf die Branche an. Im Literaturbetrieb ist es für eine Frau wahrscheinblich einfacher, weiblich zu bleiben, als im Vorstand einer Bank. Übrigens ist die entscheidende Frage dabei nicht, wie die Frau auf andere wirkt, sondern, wie es sich für sie selbst anfühlt.
SZ: Warum haben es Frauen in der Buchbranche leichter als in der Politik oder einem Dax-Konzern?
Lovenberg: Erstens gibt es mehr Leserinnen als Leser, das macht die Buchbranche automatisch weiblicher. Zweitens glaube ich, dass ein Verlagsjob eher dienend ausgerichtet ist, weil der Verlag idealerweise ja gar nicht so wichtig ist, sondern seine Autoren und die Bücher. Anders als beim Film, wo jeder Kabelträger im Abspann genannt wird, tun wir Verlagsleute alles, um nicht uns selbst, sondern unsere Autorinnen und Autoren ins Schaufenster zu stellen.
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SZ: Trotzdem gibt es Situationen, in denen es ohne Autorität nicht geht.
Lovenberg: Man konnte in der FAZ nicht autortär sein, weil es nur eine Autorität gab, und das war Frank Schirrmacher. Er hatte beides, meistens das bessere Argument und ein extrem feines Gespür für Macht. Er wusste genau, wie man dafür sorgt, dass das Gegenüber sich ohnmächtig fühlt.
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SZ: Sind Sie je ein Opfer von Sexismus geworden?
Lovenberg: Jetzt wollen Sie es aber genau wissen! Darüber habe ich in letzter Zeit durchaus mal nachgedacht, weil man sich mittlerweile ja fast komisch vorkommt, wenn man sagt: ich bin nie Opfer von Sexismus geworden. Aber gravierende Fälle habe ich tatsächlich nicht erlebt.
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SZ: Sie haben auch mit Marcel Reich-Ranicki zusammengearbeitet, haben als Redakteurin sogar seine legendäre Lyrik-Rubrik „Frankfurter Anthologie“ betreut. Was für ein Verhältnis hatten sie zu ihm?
Lovenberg: Von Beginn an ein gutes, weil ich früh das Eis gebrochen habe. Am Anfang hat er mich seine Skepsis durchaus spüren lassen nach dem Motto: Ach, da kommt das hochwohlgeborene Fräulein, soll die doch erst mal zeigen, was sie draufhat. Was soll ich sagen, ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn jemand wie Reich-Ranicki es erst mal absurd findet, wenn eine 27-jährige Redakteurin seine Texte redigiern soll.
SZ: Wie haben Sie reagiert?
Lovenberg: Mit Humor. Ich war frech, schlagfertig und habe nicht alles persönlich genommen. Das hat ihm imponiert, glaube ich, und wir hatten rasch unseren Modus gefunden. Da war viel Frotzelei dabei, da fielen sicher Sätze, die heute eher nicht mehr gehen, aber ich fand das nie schlimm, eher unterhaltsam und belebend. … Sie kennen doch diese Karikaturen: Ein Mann und eine Frau treffen sich zum Kaffee und verabreden vorher per Vertrag, was zwischen ihnen anschließend passieren darf und was nicht. Es ist traurig, dass sich dieser Witz inzwischen real anfühlt.
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SZ: Erkennen Sie, wenn Sie ein Manuskript lesen, ob es von einem Mann oder einer Frau stammt?
Lovenberg: Das habe ich mich noch nie gefragt, weil mich nicht das Geschlecht, sondern die Qualität von Autoren interessiert. Bei einem literarischen Werk glaube ich schon, dass ich es erkennen könnte, nicht auf der ersten Seite, aber nach zwanzig, dreißig. … Klar, Hemingway hat extrem männlich geschrieben, das erkennt man nach drei Sätzen, und dafür ist er groß. …
SZ: Das Klischee sagt: Männer wollen immer mehr wirken als Frauen, sind gockelhafter, narzisstischer, eitler. Erkennen Sie diesen Zug im Umgang mit Ihren Autoren?
Lovenberg: Überhaupt nicht. Jeder Autor, egal ob männlich oder weiblich, will wirken, sonst würde er nicht schreiben. Wer sich ausdrückt, hat eine Sehnsucht danach, gesehen zu werden, das ist einfach so.
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