Wenn von der deutsch-jüdischen Symbiose die Rede ist, dann sind vorzugsweise in der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 auf jüdischer Seite gemeint Politiker wie Ferdinand Lassalle (1825-1864) und Karl Kautsky (1854-1938), politische Theoretiker wie Eduard Bernstein (1850-1932), Wirtschaftsführer wie Walther Rathenau (1867-1922), Intendanten wie Max Reinhardt (1873-1943), Chefredakteure wie Theodor Wolff (1868-1943), Schriftsteller wie Rudolf Borchardt (1877-1945), Zeitschriftenherausgeber wie Maximilian Harden (1861-1922) und Herwarth Walden (1878-1941), Kritiker und Journalisten wie Alfred Kerr (1867-1948), Siegfried Jakobsohn (1881-1926) und Kurt Tucholsky (1890-1935). Also so ziemlich die Crème de la Crème. Und wir könnten stolz darauf sein.
Wenn nicht Gershom (Gerhard) Scholem (1897-1982), der frühe und glaubwürdige Zionist, diesen Begriff mit guten Gründen verspottet hätte. Und selbstverständlich ist der Holocaust das Dementi der „deutsch-jüdischen Symbiose“.
Neuerdings aber wird die „deutsch-jüdische Symbiose“ wieder ins Spiel gebracht. Etwa in der „Jewish Voice of Germany“ (September 2013/Neujahr 5774) von Rafael Seligmann. Natürlich ist mir bewusst, dass Seligmann wiederum von Henryk Broder als „Vertreter des Landjudentums“ in Deutschland bezeichnet wird. Aber was Seligmann schreibt, ist nicht einfach von der Hand zu weisen.
„Die Wiedervereinigung Deutschlands wirkte, trotz mancher Warnung, wie ein Aphrodisiakum auf die hiesige jüdische Gemeinschaft. Zunächst aus der ehemaligen Sowjetunion, in den vergangenen Jahren vorwiegend aus Israel, wanderten Juden nach Deutschland ein. So hat sich die Zahl der hier lebenden Gemeindemitglieder auf circa 106.000 vervierfacht. Der jüdische Dirigent Daniel Barenboim ist eine der beliebtesten Persönlichkeiten dieses Landes.“
„Juden leben in Deutschland ungefährdeter als in Israel. Dies und das einzigartige Flair der Stadt ließen Berlin zu einem der beliebtesten Reise- und Auswanderungsziele von Israelis gedeihen. Gegenwärtig leben etwa 20.000 von ihnen in der deutschen Metropole.“
Ulf Poschardt fügt in der gleichen Ausgabe, die der „Welt“ vom 7.9.13 beigelegt war, hinzu: „Tatsächlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Juden nach dem Holocaust wieder in Deutschland leben und sich hier zu Hause fühlen.“
Seligmann reflektiert im Folgenden, dass Juden in Deutschland häufig mit Israelis verwechselt werden. Und er betrachtet es als späten Sieg der Nazis, wenn Juden sich ausschließlich über den Holocaust definieren. Verständlich ist das m.E. allerdings schon. Aber zu Recht weist Seligmann darauf hin, dass die jiddische Sprache weitgehend aus einem mittelhochdeutschen Wortschatz herrührt, mit hebräischen Lettern geschrieben und von einer germanisch-hebräischen Grammatik gesteuert wird. Theodor Herzls „Der Judenstaat“ sei auf Deutsch geschrieben worden.
„Die 1700-jährige deutsch-jüdische Geschichte darf nicht mit Heinrich Heine, Albert Einstein, Else Ury, Max Liebermann und anderen toten Juden aufhören. Die Zeitgeschichte führt über Musterjuden wie den Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann und den ehemaligen DGB-Chef Ludwig Rosenberg hinaus.“
Und dann fügt Poschardt noch etwas hinzu, das m.E. entscheidend ist für die Lagebeurteilung: „Denn noch immer spüren wir schmerzhaft die immensen Lücken in Politik, Wissenschaft und Kultur, die Vertreibung und Vernichtung der Juden in unserer Gesellschaft hinterlassen haben.“
So ist es tatsächlich. Und vielleicht dürfen wir den Gedanken an eine „deutsch-jüdische Symbiose“ in Deutschland wachhalten, auch wenn sie noch nicht eingetreten ist.