Der Anglist Prof. Dr. Michael Butter forscht und lehrt an der Universität Tübingen über Verschwörungstheorien. Er ist Mitinitiator des EU-Projekts „Comparative Analysis of Conspiracy Theories“. Sein Buch
„Nichts ist, wie es scheint“
ist 2018 im Suhrkamp Verlag erschienen (271 S.; 18 Euro). Aus einem Interview von Thomas Gesterkamp mit Butter (taz 16./17.6.18) führe ich 16 Punkte auf:
1. Verschwörungstheorien sind entstanden zwischen früher Neuzeit und Aufklärung. Voraussetzungen dafür waren eine Weltsicht, in der Subjekte (Individuen) wichtig waren, eine lesende Öffentlichkeit und der Buchdruck.
2. Nichts geschieht durch Zufall.
3. Nichts ist, wie es scheint.
4. Fast alles ist miteinander verbunden.
5. Fast immer tauchen Verdächtige (Sündenböcke) auf wie die Freimaurer, die Illuminaten, die Juden.
6. In der säkularisierten Welt treten Verschwörer an die Stelle von Gott.
7. In Mittel-, West- und Nordeuropa sind Verschwörungstheorien seit den 1950er Jahren stigmatisiert, in Süd- und Osteuropa ist das anders.
8. Eine Person, die klassischerweise in eine Verschwörungstheorie passt, ist George Soros, ein in Ungarn geborener Jude und sehr reicher Mann.
9. Heute hängen eher weniger Menschen als vor 200 Jahren Verschwörungstheorien an.
10. Anfällig für Verschwörungstheorien sind Menschen mit Ängsten, z.B. Verlustängsten, etwa weiße Männer über 40. Die sind in den USA klassische Trump-Wähler.
11. Generell sind Theorien, die sich gegen Schwache oder Ausgegrenzte richten, gefährlicher als solche, die sich gegen Eliten richten.
12. Die puritanischen Siedler in den USA steckten voller Vorurteile und Verschwörungstheorien. Gegen Indiander, gegen Quäker, gegen französische Katholiken.
13. Die Sowjetunion und die Volksrepublik China waren bzw. sind Paradiese für Verschwörungstheorien. Hier gedeihen sie besonders prächtig.
14. Mit einer grünen Impfgegnerin gelangt man auch selten zu einer Einigung.
15. Werden überzeugte Verschwörungstheoretiker mit schlüssigen Gegenargumenten konfrontiert, verfestigen sich ihre Gedanken.
16. Wollen wir gegen Verschwörungstheorien vorgehen, so sollten wir uns an die Zweifler halten, in Bildung investieren und die Medienkompetenz stärken.