„Eine verbrecherische Organisation in einem verbrecherischen System“/Ernst von Weizsäcker mitschuldig/Aufklärung erst durch Außenminister Fischer

Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) hat am 24.10. zuerst sehr ausführlich über das von der Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik berichtet:

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München (Blessing) 2010, 879 S., 34.95 Euro.

Ein weiterer Teil von der Legende der unpolitischen Institutionen, die nur mitgemacht haben, um Schlimmeres zu verhindern, bricht zusammen. Und weitere könnten folgen, wie Eckart Conze, der Sprecher der Kommission, vermutet. Bei Frank Schirmmacher heißt es: „Dieser Apparat hat bis zum Ableben einer ganzen Generation bis in die neunziger Jahre vergangenheitspolitisch nur den einen Antrieb: dass er nicht repariert werden muss, weil niemals etwas falsch gemacht wurde.“ (FAS 24.10.10) Erstmals werde für ein Reichsministerium nachgewiesen, „dass es sich aus eigenem Antrieb und nicht auf höheren Befehl in fast alle Abteilungen der Vernichtungspolitik Hitlers angeschlossen hatte“. Mitschuldig sind auch Diplomaten wie Ernst von Weizsäcker, der Vater des Alt-Bundespräsidenten. „Nicht ohne Erschütterung erfährt man, dass Weizsäcker, damals Gesandter in der Schweiz, die Ausbürgerung Thomas Manns faktisch in die Wege leitete.“ Im Faksimile druckt die FAS den betreffenden Brief ab. Darin heißt es, Thomas Mann habe in seinem Brief vom 3.2.1936 in der „Neuen Zürcher Zeitung“  „feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland“ betrieben. „Es besteht diesseits keine Bedenken, das Ausbürgerungsverfahren gegen ihn nunmehr in die Wege zu leiten.“

Die Kommissionsmitglieder Conze (FAS 24.10., „Der Spiegel“ 25.10.), Frei („Die Zeit“ 28.10.) und Zimmermann (SZ 25.10.)haben ausführliche Interviews in großen Zeitungen gegeben. Im Tenor ihrer Aussagen gibt es keine Differenzen. Zimmermann sagt: „In dem Moment, in dem man bereit ist, Juden zu ‚entfernen‘, ist man schon auf dem Weg der Ausrottung, und darüber, über die Entferung der Juden, herrscht Konsens.“ Und er fügt erstaunlicherweise hinzu: „Auch die Amerikaner drückten gern ein Auge zu, wenn es um Kriegsverbrecher ging, und leider auch der israelische Geheimdienst, der sich beispielsweise Walter Rauff, den Beauftragten für die Ermordung der Juden Palästinas, zunutze machte.“ Norbert Frei nimmt an, dass in der Nachkriegszeit Akten gesäubert worden seien. „.. es hat nach 1933, von wenigen Ausnahmen abgesehen, einen rasanten Prozess der Selbstgleichschaltung gegeben.“ Richard von Weizsäcker hält er zugute, dass er „sich der Spannung zwischen persönlicher Erinnerung und geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis sehr wohl bewusst ist“.

Der Sprecher der Kommission, Eckart Conze, macht ganz klar: „Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation.“ Die Spitzendiplomaten seien von wenigen Ausnahmen abgesehen Gegner einer freiheitlichen Ordnung gewesen, Gegner des Parlamentarismus. „Der Begriff des ‚Unpolitischen‘ bezeichnet in Wahrheit eine extrem politische Haltung. Je mehr sich in der Weimarer Zeit jemand als unpolitisch bezeichnete, desto mehr verachtete er in einer autoritären Staatsauffassung Republik und Demokratie.“ 573 von 706 Angehörigen des Höheren Dienstes im AA seien 1943 in der NSDAP gewesen. Die früher gern gemachte Unterscheidung zwischen dem guten Amt unter von Neurath und dem schlechten unter Ribbentrop sei obsolet. „In den Personen der Minister mag es vielleicht Unterschiede gegeben haben, in der Politik aber nicht.“

Franziska Augstein in der SZ (25.10.) erklärt, dass es 2003 ein Brief einer ehemaligen Mitarbeiterin des Auswärtigen Amts, Marga Henseler, an Außenminister Joschka Fischer gewesen ist, der den Stein der Kommission ins Rollen gebracht hat. Henseler hatte sich an der Ehrung Franz Nüßleins anlässlich seines Todes durch das AA gestört. Sie wusste nämlich, dass Nüßlein in der Tschechoslowakei 1948 als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Er hatte während des Krieges Hunderte Tschechen dem Tode überantwortet. Als Außenminister Fischer von Henselers Schreiben erreicht wurde, verfügte er den Erlass, dass künftig der Tod ehemaliger Mitglieder der NSDAP nicht mehr in der Hauszeitschrift des AAs erwähnt werden solle. Augstein berichtet auch, dass Franz Rademacher, der Leiter des „Judenreferats“, 1941 eine Reise nach Belgrad unter dem Zweck „Liquidation von Juden in Belgrad“ abgerechnet hatte. Das Protokoll der Wannsee-Konferenz (1942), auf der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen worden war, fand sich, kein Zufall, 1947 im Archiv des Auswärtigen Amts. Es war an der Wannsee-Konferenz maßgeblich beteiligt. Augstein schreibt weiter: „Erstaunlich ist die Haltung des 1966 bestallten Außenministers und Vizekanzlers Willy Brandt: Zusammen mit seinem besten Ratgeber Egon Bahr hat er das Auswärtige Amt in seinem Tun immer nur gestützt. Auf Brandts Betreiben erhielt der zu Beginn erwähnte Schreibtiuschtäter Franz Nüßlein das Verdienstkreuz 1. Klasse. Warum tat er das? Heute ist es nicht mehr vorstellbar, wie sehr verhasst die SPD bei den sogenannten bürgerlichen Schichten war. Zudem galt der Emigrant Brandt ja als ‚Vaterlandsverräter‘, ein uneheliches Kind war er noch dazu. Man hat in der SPD-Baracke also alles getan, sich wenigstens das Auswärtige Amt gewogen zu halten.“

Nils Minkmar (FAZ 25.10.) unterstreicht, dass sich das AA aus eigenem Antrieb in die Judenvernichtung eingeschaltet und in vielen Fällen die Initiative übernommen habe. „Wenn die wohlversorgten, bewunderten, kultivierten Männer der Wilhelmstraße zu Mördern werden konnten, so ist niemand davor gefeit und keine Institution ist stark genug, von sich aus ihre Umwidmung in ein Instrument des Verbrechens zu verhindern.“ Avi Primor, der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, schreibt in der FAZ (28.10.): „Man stellt sich nach der Lektüre die Frage, wie man ohne diese Forschungswerk die Geschichte der Nazizeit und die Entstehung der Bundesrepublik überhaupt verstehen konnte.“

Benedikt Erenz in der „Zeit“ (28.10.) findet die Ergebnisse der Studie nicht überraschend: „Viele der Herren mochten keine Juden, verachteten die Republik, wollten den Krieg, das heißt, die Revision von Versailles, die Revanche für 1918 und ‚Lebensraum‘ im Osten. Sie setzten ganz auf die neue Zeit und den neuen Staat. Und nicht nur das Amt in der Berliner Wilhelmstraße, jede Institution in Deutschland machten diese engagierten Parteigänger zu einer NS-loyalen Organisation, von der Justiz bis zur Wehrmacht.“ Alexander Cammann arbeitet in der „Zeit“ (28.10.) heraus, dass das Buch keinen Zweifel daran lässt, dass es in dem Wilhelmstraßen-Prozess 1947, indem AA-Mitarbeiter der Nazi-Kollaboration bezichtigt wurden,  „auch darum ging, für die traditionelle deutsche Oberschicht die Legitimität ihres gewohnten Führungsanspruchs auch bei der Gestaltung der neuen Demokratie zu verteidigen“.

Gustav Seibt beschäftigt sich in der SZ (28.10.) insbesondere mit dem Fall Weizsäcker. Und er gelangt sogar zu einem doch einigermaßen überraschenden Schluss: „Insofern kann jeder einschlägige Satz Richard von Weizsäckers, vor allem die Feststellung umfassender Mitwisserschaft der Deutschen am Holocaust in der Rede von 1985, auch pro domo verstanden werden, als Ansprache in den Binnenraum der eigenen Familie.“ „Dass der echte, mit dem Leben bezahlte konspirative Widerstand der Außenamtsmitarbeiter Adam von Trott zu Solz oder Hans Bernd von Haeften ‚unter verantwortlicher Anleitung‘ Ernst von Weizsäckers stattfand, wie sein Sohn Richard noch 2005 behauptete, dafür spricht nichts.“ Und Außenminister Guido Westerwelle – gewiss in einer Konkurrenz zu seinem Vorvorgänger Joschka Fischer – nimmt den Anstoß der Studie auf und macht ihn sich zu eigen: „In dem Amt konnte man Mord als Dienstgeschäft abrechnen.“ (FAZ 29.10.)

Marcus Jauer, Alard von Kittlitz und Andreas Platthaus (FAZ 29.10.) nehmen sich die spezielle Konkurrenz Guido Westerwelles zu seinen Vorgängern Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier vor. Sie betonen sehr zu Recht, dass es Ex-Außenminister Fischer ist, dem das Verdienst gebührt, die Kommission eingesetzt und damit für Aufklärung gesorgt zu haben. Zu Steinmeier heißt es eher lapidar, aber schlüssig: „…, aber es ist wie so oft, wenn er spricht, man schreibt alles mit, und am Ende findet man keinen Satz, an den man sich auch ohne Mitschrift erinnert hätte.“ Fischer  hat den zentralen Satz gesprochen: „Marga Henseler hat sich um Deutschland verdient gemacht.“

Willy Brandts wichtigster Mitarbeiter nicht nur im Außenministerium, Egon Bahr, wird von der „Welt“ (30.10.) ausführlich interviewt. Bei aller Anerkennung der Bedeutung der Studie bestreitet Bahr die These des Sprechers der Kommission, Eckart Conze, das Außenamt sei eine „verbrecherische Organisation“ gewesen. Bahr: „Nein. Sicher gab es im Amt viele Diplomaten, die sich aus Opportunimus und Karrieregründen bewusst in den Dienst der Judenverfolgung gestellt haben. Aber in dieser absoluten Form ist das nicht richtig.“ Nach Bahr galt es seinerzeit, 1966, in der großen Koalition unter der Führung des ehemaligen AA-Mitarbeiters und NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiessinger zu versöhnen statt zu spalten. Und dann wiederholt Bahr seine fragwürdige Beurteilung der Mitwirkung von Hans Globke nach 1945: „Wenn Hans Globke als Kommentator der Nürnberger Gesetze zum obersten Beamten des Bundesrepublik gemacht wird, dann ist das eine stille Amnestie, die Adenauer eingeleitet hat. Ich bin damals wütend geworden, als ich hörte, wer da mit Globke in Amt und Würden kam. Im Abstand von Jahrzehnten hat sich mein Urteil gemildert unter der Überlegung, dass der alte Adenauer eine ungeheure Leistung zu vollbringen hatte: Er hatte einen Staat mit sechs Millionen NSDAP-Mitgliedern und den Vertriebenen vor sich, unter denen der Anteil der Nazis nicht geringer war. Er musste sehen, dass diese explosive Mischung eben nicht explodierte. das ist Staatskunst.“

Da können wir Zeitgenossen wohl froh sein, dass Staatskunst in der Gegenwart eher vom Verhalten Joschka Fischer bestimmt wird.

Ein vorläufiges Schlusswort formuliert der Sprecher der Historikerkommission, Eckart Conze, in der „Literarischen Welt“ (30.10.). Er beklagt die vorauseilende Kooperation der Diplomaten des Auswärtigen Amts. „Sie waren Mittäter.“ Das Auswärtige Amt sei das erste Bundesministerium, das seine Nazi-Vergangenheit aufarbeite und sich auch für die personelle Kontinuität nach 1945 interessiere. „Andere Ministerien und Bundesbehörden dürften folgen. Doch es gibt gute Gründe dafür, dass das AA den Anfang machte. Und es sind genau diese Gründe, die auch erklären helfen, warum das Buch der 2005 von Außenminister Joschka Fischer eingesetzten Historikerkommission eine so große öffentliche Aufmerksamkeit erfährt.“ Ebenso erschreckend sei es aber zu sehen, „wie schwer belastete Angehörige dieser Oberschicht, wie die Diplomaten der Wilhelmstraße nach 1945 im Bewusstsein ihrer historischen Schuld mit allen Mitteln versuchten, sich rein zu waschen – vor Gericht, politisch und publizistisch.“

Bei der Ausbürgerung von Deutschen wie Albert Einstein, Thomas Mann und Willy Brandt habe das AA eine wichtige Rolle gespielt. Ebenso wie beim Raub des Vermögens der Ausgebürgerten, darunter vieler Juden. Und nach 1945 sorgte nicht zuletzt Adenauers außenpolitischer Berater Herbert Blankenhorn, Wilhelmstraßen-Mann und Ex-Parteigenosse, dafür, dass es für viele auch belastete Mitarbeiter des AAs weiterging. „Aber auch das antikommunistische Klima des Kalten Krieges half. So waren die Vorwürfe, die insbesondere die DDR gegen das diplomatische Spitzenpersonal der Bundesrepublik erhob, waren die Hinweise auf ihre NS-Belastung in der Regel völlig zutreffend. Aber dass diese Vorwürfe von kommunistischer Seite kamen, half den Betroffenen eher, als dass es ihnen schadete.“ Im Journalismus konnten wir das am Fall Werner Höfers sehr gut erkennen.

Comments are closed.