444: Timothy Garton Ash: Über Europas Größe, „polnische Wirtschaft“ und deutsche Führung

Timothy Garton Ash ist der Oxforder Historiker, der sich bevorzugt mit Europa und Deutschlands Rolle darin beschäftigt. Stephan Speicher hat ihn für die SZ interviewt (4.7.13).

SZ: Im Jahr 1990 erwies sich Europa als größer, als der Westen gedacht hatte. Müssen wir uns aber nicht heute fragen, ob Europa zu groß geworden ist und zu zerfallen droht? Der Philosoph Giorgio Agamben hat unlängst einen tiefen Unterschied in den Lebensweisen von Norden und Süden diagnostiziert und sich gefragt, ob der Süden nicht ein lateinisches Imperium bilden solle.

Garton Ash: Europa ist nicht zu groß, sondern zu klein. Die Europäische Union ist nicht an die Grenzen Europas gelangt, was sie doch sollte, erstens. Zweitens ist die Teilung nach Agamben eine ganz künstliche Konstruktion. Es hat immer mehrere Europas gegeben. Man meinte eine Zeit lang, es gebe eine West- und ein Osteuropa, es war nur ein Produkt des kalten Krieges. Genau so wenig gibt es ein über die Jahrhunderte einheitliches Südeuropa. …

SZ: Gibt es nicht doch eine wirtschaftskulturelle Prägung? Der Norden stark marktwirtschaftlich, England, Polen, Deutschland auch …

Garton Ash: Aber nehmen sie Polen. Heute ist Polen liberal. Aber das ist neu. Heute ist Polen Nordeuropa. Aber so hat man das Land über Jahrhunderte nicht gesehen. Man sah es als katholisch an. Denken Sie an das Vorurteil von der „polnischen Wirtschaft“. Ein Land kann seine Zukunft wählen.

SZ: Wie kommen wir aus der Schwierigkeit heraus? Deutschland ist doppelt gebunden: in marktwirtschaftlicher Hinsicht an England, in politischer an Frankreich, traditionell der wichtigste Partner.

Garton Ash: Keine einfache Lage. Ich bedaure es zutiefst, dass Großbritannien eine solche Haltung zu Europa hat im Moment. Es wäre eine andere Geschichte, wenn Großbritannien mit vollem Herzen und mit vollem Verstand dabei wäre. Großbritannien ist auch dabei, wenn es um Außen- und Sicherheitspolitik geht. Aber wenn es um die Europazone geht, ist die Schlüsselfigur Frankreich. Und da ist das institutionell Entscheidende: die Kontrolle über die Haushalte.

SZ: Hat unser Europäertum nicht zwei gefährdete Flanken? Auf der einen Seite die nationalstaatlichen Empfindungen, auf der anderen Seite ein Kosmopolitismus der gut ausgebildeten Jungen?

Garton Ash: Ein wichtiger Punkt. Vor 1989 habe ich einmal gesagt, Europa sei geteilt, in die im Westen, die Europa haben, und die im Osten, die daran glauben. Man erträumt sich ein Europa, das man nicht hat. Wir haben eine Generation, die Europa für selbstverständlich hält. Meine Studenten finden es gut, aber nicht interessant, nicht spannend. Spannend sind China, Indien, die Umweltbewegungen, NGOs. Europa ist nichts, das motiviert.

SZ: Immer wieder hört man, gerade im ‚Economist‘, Deutschland müsse sich seiner Stärke bewusst werden, mehr führen. Aber Deutschland ist eine Mittelmacht. Kommt es nicht so in das alte Dilemma, zu groß zu sein, sich einzupassen, zu klein für die Hegemonie?

Garton Ash: Es ist richtig, dass Deutschland, ohne es zu wollen, in diese Rolle geraten ist, durch die Währungsunion. Denken wir uns die Währungsunion fort, wäre Deutschland nicht in dieser Situation. Nun aber ist es eben so, dass man mehr von Deutschland erwarten muss. Gewiss, Deutschland hat europäische Partner, die mitmachen, ich denke an Polen. Es ist kaum zu glauben, wie glücklich sich die deutsch-polnischen Beziehungen entwickelt haben. Aber ich bedaure es, dass Deutschland weder in Großbritannien noch in Frankreich die strategischen Partner hat, die es bräuchte. Wenn diese beiden mit ihrem Selbstbewusstsein, mit ihren Erfahrungen mitmachen würden, dann hätten wir Europa.

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