Als am 14. Juni 1940 auf den Champs Elysées die Siegesparade der deutschen Wehrmacht stattfand, war das Leben der vor den Nazis nach Frankreich geflohenen Nazigegner, Juden, Kommunisten, Literaten, Künstler und Intellektuellen gefährdet. Für eine weitere Flucht z.B. in die USA brauchten sie Geld, Pässe und ein „Affidavit“, eine Versicherung, dass die Emigranten nicht der Sozialfürsorge zur Last fallen würden. Im Süden Frankreichs herrschte das Regime des Marschalls Pétain, das sogenannte Vichy-Regime. Es kollaborierte mit den Nazis. Dort befanden sich Anfang 1941 etwa 150 000 deutsche Flüchtlinge.
Diese Lage führte dazu, dass versucht wurde, mit einem „European Rescue Committee“ Emigranten zur Flucht aus Frankreich zu verhelfen. Die zentrale Figur dabei war der 32-jährige US-Amerikaner Varian Fry, der zunächst von einem kleinen Hotelzimmer in Marseille aus tätig wurde. Fry hatte in Harvard Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und an der Columbia Universität promoviert. 1935 war er in Berlin Zeuge antisemitischer Ausschreitungen geworden. Er sprach mehrere Sprachen, darunter fließend Französisch und Deutsch.
In seinen 1945 erschienen Erinnerungen „Auslieferung auf Verlangen“ reflektiert er seine Erlebnisse. Es gab zahlreiche tragische Geschehnisse. Die geflohenen deutschen SPD-Politiker Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding starben, weil sie sich geweigert hatten, während der Überfahrt auf dem Atlantik in einer stickigen Koje im Laderaum eines Frachters zu schlafen. Hilferding starb in Pariser Haft, Breitscheid kam bei einem Luftangriff auf das KZ Buchenwald ums Leben. Seit Dezember 1941 gab es die ersten Deportationen „nach dem Osten“. Lisa Fittko hat in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ den illegalen Weg aus Frankreich heraus beschrieben. Walter Benjamin ist dabei zu Tode gekommen (26.9.1940). Einer Gruppe mit Lion und Martha Feuchtwanger, Franz und Alma Werfel, Heinrich Mann und seiner Frau Nelly mit ihrem Neffen Golo Mann gelang die Flucht. Angesichts der Gebrechlichkeit Einzelner fast ein Wunder.
Varian Fry arbeitete mit dem jüdischen Wiener Passfälscher Bill Spira zusammen. Für Anträge zur Bewilligung von Visa zur Einreise in die USA musste eine „besondere politische Verfolgung“ nachgewiesen werden. Es genügte nicht, Jude zu sein. Varian Fry verhalf vielen Bedrohten zur Flucht. Darunter Marc Chagall, Max Ernst und André Breton. Nicht alle haben sich hinterher sehr dankbar gezeigt. Fry begegnete zunehmendem Misstrauen auch auf Seiten der US-Administration, weil er vielen Linken und Juden half. Er musste seine segensreiche Arbeit schon im Juli 1941 beenden. Danach geriet seine Arbeit schnell in Vergessenheit. Erst 1967 wurde Fry Mitglied der französischen Ehrenlegion. 1994 wurde er als erster US-Bürger in die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ aufgenommen. Er war schon 1967 verbittert gestorben (Knud von Harbou, SZ 9./.10.9.17).