Den Begriff des „Intellektuellen“ kennen wir, seit Emile Zola (1840-1902) am 13. Januar 1898 auf der Titelseite der Literaturzeitschrift „L‘ Aurore“ seinen offenen Brief an den französischen Staatspräsidenten Félix Faure mit dem Titel
„J’accuse“
veröffentlichte. Darin sprach er sich gegen die Verurteilung des fälschlich des Landesverrats beschuldigten jüdischen Hauptmanns
Alfred Dreyfus
aus und beklagte die massive antisemitische Propaganda in Frankreich. In einer Petition schlossen sich ihm u.a. an
die Schriftsteller Anatole France und Marcel Proust, der Sozialphilosoph Georges Sorel, der Maler Claude Monet und der Soziologe Emile Durkheim. Sie setzten sich letztlich in der öffentlichen Meinung durch. In Deutschland berichtete Theodor Wolff („Berliner Tageblatt“) über den Dreyfus-Prozess.
Unter einem Intellektuellen verstehen wir also einen häufig akademisch ausgebildeten Menschen, der sich bewusst in öffentliche Angelegenheiten einmischt und die öffentliche Meinung im Sinne der Aufklärung zu beeinflussen versucht. In Deutschland verkörperten z.B. der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers (1883-1969), der Schriftsteller Günter Grass (1927-2015) und der Sozialphilosoph Jürgen Habermas (1929) diesen Typus. Auf der politischen Rechten, bei Populisten und bei Rechtsextremen sind Intellektuelle unbeliebt. Wie z.B. auch grundsätzlich die Wissenschaft.
In seiner berühmten Schrift „Der Verrat der Intellektuellen“ (1927) arbeitete der französische Philosoph
Julien Benda (1867-1956)
die Neigung vieler Intellektueller heraus, zu Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Interessen und Ideologien zu werden. Die Intellektuellen klären also keineswegs in jedem Fall wirklich auf.
Karl Mannheim (1893-1947)
sprach von „freischwebender Intelligenz“. Und
Antonio Gramsci (1891-1937)
unterschied zwischen traditionellen und „organischen“ Intellektuellen. Während erstere sich als über den Klassen schwebende Theoretiker empfanden, die de facto aber der bürgerlichen Herrschaft dienten, agitierten die letzten bewusst innerhalb einer Klasse und für diese.
Nun behauptet der US-amerikanische Sozialwissenschaftler
Daniel Drezner,
dass der Einfluss von Intellektuellen zurückgehe. Die Macht von Universitäten und Qualitätszeitungen verschwinde zusehends im öffentlichen Diskurs. An ihre Stelle träten „thought leader“ („Denkführer“). Diese seien weniger Mahner und Zeitdiagnostiker mit moralischer Autorität als vielmehr Selbstvermarkter, die mit leicht verdaulichen Vorträgen zu schnellem Geld kämen. Das sei ein Funktionsverlust der öffentlichen Meinung und tendiere zum Verfall der Demokratie. Diese gerate in Gefahr (Jan-Werner Müller, SZ 30.8.17).