422: Paolo Conte: „Italienische Politik ist eine Komödie“

Den italienischen Barden Paolo Conte, der auch als Komponist („Azurro“ für Adriano Celentano) erfolgreich war, kennen und schätzen wir als Sänger der einzigartigen Eloge „Genova“. Jörg Häntzschel hat ihn gebeten, uns die italienische Politik zu erklären (SZ-Magazin 7.6.13).

SZ: Können Sie uns erklären, was los ist mit Italien? Es scheint, als gebe es keinen Ausweg aus dieser Dauerkrise.

Conte: Da kann ich Ihnen leider nicht helfen. Das sind für mich genauso Mysterien wie für Sie. Ich habe weder mit Politik noch mit Wirtschaft viel am Hut.

SZ: Wir Deutschen haben Italien immer geliebt und dachten, wir würden uns da auskennen. Nun sind wir ratlos.

Conte: Das geht uns Italienern ganz genauso. Aber keine Sorge, Italien wird seine Probleme schon lösen. Das ist dem Land immer gelungen. Es dauert nur ein bisschen.

SZ: Zurzeit scheint die italienische Politik eine einzige Tragikomödie zu sein. Das war doch früher nicht so!

Conte: Doch! Diese Komödie wird jetzt seit 40 Jahren gespielt. Aber es ist eben auch nur eine Komödie und nicht mehr als das. Als solche muss man sie verstehen, sonst wird man verrückt.

SZ: Vielleicht nehmen wir Deutschen das wieder mal alles zu ernst.

Conte: Das scheint mir auch so. Macht euch keine Sorgen. Kommt in den Ferien zu uns, dann trinken wir einen guten Wein zusammen und lassen es uns gut gehen.

SZ: Man hoffte, Berlusconi sei endgültig weg vom Fenster. Jetzt ist er wieder da. Wie viele Leben hat der Mann eigentlich?

Conte: Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Niemand weiß, was jetzt passieren wird.

SZ: Wie kommt es, dass so viele Italiener immer noch seine Partei wählen?

Conte: Wenn Sie in Italien die Leute auf der Straße fragen, werden Ihnen alle dasselbe sagen: Es ist alles ein großes Durcheinander. Niemand blickt mehr durch. Keiner traut keinem mehr. Es gibt auch keine klaren Positionen mehr. Früher war die Linke links, die Rechte rechts und die Mitte lag dazwischen. Heute gibt es lauter Allianzen, niemand hat mehr den Mumm zu sagen: Ich bin Kommunist. Alle sind miteinander verfilzt. Aber das ist auf der ganzen Welt so. In Amerika zum Beispiel auch.

SZ: Fühlen Sie sich manchmal fremd in Ihrem Land?

Conte: So habe ich mich immer ein bisschen gefühlt.

SZ: Wird man deshalb Künstler?

Conte: Vielleicht, vielleicht. Könnte sein.

SZ: Haben Sie auch aus diesem Grund aufgehört, als Anwalt zu arbeiten?

Conte: ich hatte einfach zu viel Leidenschaft für die Musik. Eine Weile lang habe ich beides gemacht, dann erkannte ich, dass mir die Musik wichtiger ist.

SZ: Haben Sie je daran gedacht, auszuwandern?

Conte: Habe ich, natürlich! Aber in meiner kleinen Welt gefällt es mir nun mal am besten. Ich lebe auf dem Land, ich brauche nicht mal mehr eine Stadt. Ich bin ein Einzelgänger. Ruhe ist mir eigentlich am wichtigsten.

SZ: Früher hat die ganze Welt die italienischen Männer für ihre Eleganz bewundert. Warum ziehen sie sich jetzt so an, als gingen sie noch in den Kindergarten?

Conte: Ist das nicht grauenhaft? Das ist der Konsumismus. Und die Wirtschaftskrise. Nehmen Sie nur die Krawatte. In meiner Generation wusste man noch, was eine gute Krawatte wert ist. Sie war nicht nur ein Statussymbol, man trug sie, weil man sich gut damit fühlte. Das ist verloren gegangen. Das hat auch wieder mit Amerika zu tun – Globalisierung! Wie überall. Wir werden immer gleicher.

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