Er war der Mann mit der Lederhose, der nach 20 Jahren in den USA so gut wie kein Englisch sprach, bayerisches Urgestein. Der am Starnberger See geborene Graf, der nach dem Tod seines Vaters Bäcker lernte, hatte keine idyllische Jugend. Sein ältester Bruder Max, der die Bäckerei geerbt hatte, misshandelte ihn körperlich. Als meine Frau und ich in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts mehrmals Urlaub am Starnberger See machten, gab es in Ammerland die Bäckerei Graf noch. Graf riss nach München aus, gehörte zur Bohème und zur Arbeiterbewegung. Er war an den „revolutionären“ Umtrieben um Kurt Eisner beteiligt.
Kennengelernt habe ich Graf zuerst in den beiden wunderbaren Büchern von
Ludwig Marcuse
„Mein zwanzigstes Jahrhundert“. Frankfurt am Main und Hamburg 1968
und
„Nachruf auf Ludwig Marcuse“. München 1969.
Seinerzeit standen in Göttingen eher marxistische Exerzitien auf dem Programm, die ich mit links auch absolvierte. Graf und Marcuse hatten sich im Münchener Fasching kennen- und schätzengelernt. Beide wichen von den Gruppenstandards deutscher Schriftsteller und Journalisten weit ab. Graf etwa, dessen Bücher im Mai 1933 zunächst nicht verbrannt worden waren, schrieb den Nazis aus dem Ausland: „Verbrennt mich!“ „Diese Unehre habe ich nicht verdient.“ Ein Jahr später wurden speziell seine Bücher verbrannt. 1934 wurde Graf ausgebürgert. Er lebte zunächst in der Tschechoslowakei. Auf einer Reise deutscher Schriftsteller in die Sowjetunion 1934 zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller war sein Verhalten ausgesprochen unbotmäßig.
1927 war sein erster Erfolgsroman
„Wir sind Gefangene“
erschienen. Graf war mit Mirjam Sachs verheiratet, einer Cousine von Nelly Sachs. Aus erster Ehe hatte er die Tochter Annemarie. 1938 flüchteten Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs nach New York. Erst 1957 hat der Kommunist die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Auch in New York blieb Graf allein aus Werbegründen bei seiner Lederhose. Er ist mehrfach mit dem leicht verklemmt lachenden Bertolt Brecht beim bayerischen Bier fotografiert worden. Nach dem Tod von Sachs heiratete Graf 1962 Gisela Blauner. 1960 hatte er die Ehrendoktorwürde von der Wayne State University in Detroit erhalten „in Anerkennung seiner kompromisslosen geistigen Haltung“.
Graf kannte sowohl die Arbeiterklasse und die „kleinen Leute“ aus eigener Anschauung als auch Intellektuelle und Wissenschaftler. Blasse Theoretiker verhohnepiepelte er gekonnt. 1931 war sein Roman „Bolwieser“ erschienen, den 1976 Rainer Werner Fassbinder verfilmte. 1932 „Notizbuch des Provinzschriftstellers Oskar Maria Graf“. Sein Roman „Anton Sittinger“ wurde 1937 publiziert (verfilmt 1978). Auf deutsch erschien sein wichtigstes Buch
1946: „Das Leben meiner Mutter“ (englisch 1940).
Viermal ist Graf aus seinem New Yorker Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Auch um Verlagsangelegenheiten zu regeln. Seine dritte Europareise 1964 führte ihn nach West- und Ostberlin. Er wurde Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Die Stadt München verlieh ihm in „Würdigung seines literarischen Werks“ ihre Goldmedaille. Ein Jahr nach seinem Tod wurde Grafs Urne nach München überführt und auf dem Alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt.
Aus Anlass seines 50. Todestages sind mehrere neue Bücher über Graf erschienen. Das Münchener Literaturhaus zeigt die Ausstellung
„Rebell, Weltbürger, Erzähler“
aus Material des Grafschen Nachlasses in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Monacensia. Darin wird der Exilant Oskar Maria Graf in den Blick genommen (Rudolf Neumaier, SZ 3./4./5.617). Wir sollten Oskar Maria Graf nicht vergessen.