416: Egon Friedell (1878-1938) – der letzte Dilettant

Gegenwärtig muss jede kleine Aktivität als „professionell“ bezeichnet werden, damit sie etwas gilt. Das war bei unserem Protagonisten noch anders (Michael Stallknecht, SZ 24.5.13). Der 1878 als Egon Friedmann in Wien geborene Sohn eines jüdischen Tuchfabrikanten betrachtete „Beruf“ und „Arbeit“ sehr skeptisch. Egon Friedell war unter anderem Schauspieler. In der Wiener Kaffeehaus-Szene tummelte er sich unter den Alfred Polgar, Hermann Bahr, Karl Kraus und Peter Altenberg. Damit haben wir die wichtigsten Namen des Wiener Feuilletons (das mein erster Chef an der Universität Göttingen, Wilmont Haacke, so liebte) beisammen. Friedell arbeitete sehr viel als Theaterkritiker.

„Mit den Attributen des Kaffeehausliteraten sollte man dennoch vorsichtig sein, als passionierter Vielleser stand Friedell früh auf und hasste Störungen. Legendär ist eine Aufführung von Molières ‚Eingebildetem Kranken‘ auf Reinhardts Schloss Leopoldskron, bei der Friedell als Arzt griechisch und lateinisch improvisierte und so den berühmten Max Pallenberg in der Titelrolle schachmatt setzte. Am besten muss Friedell denn auch bei seinen Auftritten als Kabarettist gewesen sein, die vor allem im Wiener ‚Nachtlicht‘, später der ‚Fledermaus‘ stattfinden.“

Als Historiker liebte Friedell Aphorismen, Paradoxien und bösen Spott. Sein wichtigstes Werk ist die sehr umfängliche

„Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1.580 Seiten).

Friedell erlaubte sich darin einen radikalen Subjektivismus und sehr, sehr viele Personalisierungen. Ein klassischer Dilettant eben. Das Buch enthält auch eine „Kulturgeschichte Ägyptens“. Der „Liebhaber“ Friedell kannte sich aus auch mit den Ess-, Trink- und Kleidersitten Europas wie mit Literatur, Philosophie und Politik. Der ungewöhnlich große und zugleich dicke Feuilletonist, der ein starker Trinker war, überschritt die Grenze zum historischen Roman nicht, ist aber wissenschaftlich heute überholt. Trotzdem wird seine „Kulturgeschichte der Neuzeit“ viel im Munde geführt, was wohl auch an dem markanten Titel liegt.

Der Verlag C.H. Beck hat 2012 nicht nur eine Neuauflage des bekannten Werks herausgebracht, sondern 2013 auch eine erste Friedell-Biografie:

Reinhard Viel: Egon Friedell. Der geniale Dilettant. Eine Biographie. München 2013, 352 Seiten, 24,95 Euro.

Während meine Ausgabe der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (2009 bei Zweitausendeins) kein Nachwort enthält, kommt in der C.H. Beck-Ausgabe Ulrich Weinzierl zu Wort. Er setzt sich mit den „problematischen Seiten“ Friedells auseinander, die darin bestehen sollen, dass Friedell die Neuzeit als Verfallsgeschichte gegenüber dem Mittelalter konzipiert. Ganz ist dies nicht von der Hand zu weisen. Weinzierl macht trotzdem klar, dass Friedell sich von Oswald Spenglers antidemokratischen, antiamerikanischen und antisemitischen Untertönen bei weitem unterscheidet.

Friedells Todestag jährt sich zum 75. Mal. Vier Tage nach Hitlers Einmarsch in Wien war er aus dem Fenster seiner hochgelegenen Wohnung gesprungen, als die SA bei ihm klingelte.

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