Als Ingeborg Bachmann 1962 einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch erlitt, begann sie, ihre Träume zu notieren. Das war bestimmt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nun erscheinen die Aufzeichnungen im Rahmen der großen Salzburger Werkausgabe:
Ingeborg Bachmann: „Male oscuro“. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit (Salzburger Edition). Hrsg. von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni. Piper Verlag/Suhrkamp Verlag. München/Berlin 2017, 259 S; 34 Euro.
Da erhebt sich leicht der Vorwurf des Voyeurismus. Ich schlage vor, dass diejenigen, die diesen Voyeurismus nicht ertragen, das Buch einfach nicht lesen. 1962 war das Jahr der Trennung von Max Frisch, der später Marianne Oellers heiratete. Von Anfang an diskutierten die Herausgeber die Frage der Indiskretion. Diese Frage bekam ihr Gewicht durch
Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ (1964).
Eine gewisse Rücksichtslosigkeit bei der Privatsphäre war dabei nicht zu übersehen.
Ingeborg Bachmann fühlte sich von Max Frisch zurückgesetzt und ausgegrenzt. „Es ist schon, als existiere ich überhaupt nicht mehr.“ Darüber wird intimstes Material ausgebreitet. Wir schauen in einen Abgrund. Eine sehr schwierige Vaterbeziehung, das traumatische Verhältnis zu Max Frisch und der Ekel vor dem Literaturbetrieb, das sind nur einige der Leitmotive. Ob die Aufzeichnungen lebensgeschichtliche Grundlagen für spätere Bachmann-Texte liefern, ist seit langem „höchst umstritten“ (Helmut Böttiger).
„Einmal ist in fast allen Träumen M.F. die Hauptperson, immer mit dem Vater verwechselt (bis auf den letzten Traum), oder der Vater, mit M.F. verwechselt, so dass es auf Inzestträume hinausläuft und den Horror davor.“
„Heiliger Freud. Das darf doch nicht wahr sein. Ich war ein ganz gewöhnliches Kind, mit einer normalen Entwicklung, in einer normalen Familie. Verstehen Sie mich. Ich bewundere Freud, aber ich habe diese Vorklassik nie ganz akzeptieren können, ich kann nicht einsehen, dass dieses Leben vor dem eigentlichen persönlichen Leben später eine so enorme Rolle spielen soll. Und da steh ich ja nicht allein da, die Wissenschaft bringt doch auch ihre Korrekturen an.“ Das werden gewiss Psychanalytikerinnen zurechtrücken.
(Literarische Welt 18.2.17; Kai Sina, FAZ 18.2.17)