In einem Interview mit Roland Preuss (SZ 27.12.16) äußert sich der Kasseler Soziologe Heinz Bude über die Angst der Deutschen. Er sagt u.a.:
„Es gibt so etwas wie eine Erlebnisschichtung der Angst. Die Angst vor einem terroristischen Angriff aus heiterem Himmel verbindet sich mit Ängsten, die mit grundlegenden Veränderungen in unserer Gesellschaft zu tun haben. Wir kommen aus einer Gesellschaft des Versprechens und befinden uns in einer Gesellschaft der Drohungen. Nehmen wir das Versprechen des Aufstiegs durch Bildung. Die Nachkriegsgenerationen haben sehr vom Ausbau des Bildungssystems profitiert. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zeichnete sich die Bundesrepublik durch das sozial durchlässigste Bildungssystem in ganz Europa aus. Das hat viel mit dem Ausbau der Fachhochschulen zu tun. … Heute ist ein Studienabschluss nicht mehr hinreichende Bedingung für einen Aufstieg. Es macht sich das bedrohliche Gefühl breit, dass es für die Jungen schwieriger geworden ist, den Sozialstatus ihres Elternhauses auch nur zu halten.
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Der Druck in den Betrieben ist gewachsen, die Intensität der Arbeit hat im Zuge der Digitalisierung und der Dienstleistungsorientierung zugenommen. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist mit der wachsenden Zahl von Frauen in Ausbildung, Studium oder Beruf auch nicht einfacher geworden. Mit einem Mal befindet man sich als jemand wieder, der im Wettbewerb um die wenigen, hervorragend bezahlten Stellen auf der Strecke geblieben ist. Mit Anfang vierzig erkennt zum Beispiel der Rechtsanwalt mit einer Universalkanzlei, dass er die Kollegin, die gleich nach dem Studium bei einer internationalen Law Firm eingestiegen ist, nicht mehr erreichen kann. Man darf sich über die Verbitterung gerade in den besser aufgestellten Teilen der deutschen Mittelklasse nicht täuschen.“