396: Briefwechsel Willy Brandt-Günter Grass

„Das ist ein total verrücktes Buch. Ein Deutschland-Roman in Briefen, ein Roman aus der Zeit, als die Bundesrepublik sich zum Guten wendete, die Nachkriegszeit zu Ende ging und ein Emigrant, ein Sozialdemokrat, ein weltweit geachteter Politiker an die Spitze der Regierung kam und das Land ein anderes wurde. Der Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass

(Willy Brandt und Günter Grass: „Der Briefwechsel“. Herausgegeben von Martin Kölbel. Göttingen (Steidl) 2013, 1.300 Seiten, 49,80 Euro)

liest sich heute wie ein utopischer Roman aus längst vergangener Zeit. So lange scheint das alles zurückzuliegen, dass man meint, das Gespräch der beiden wehe aus dem Reich der Fiktion zu uns herüber, in unsere Zeit.“ (Volker Weidermann, FAS 5.5.13)

Der kämpferische, entschlossene, immer mit klarem Programm ausgestattete, mit klarer Richtung versehene, von einem guten politischen Instinkt geleitete, der mit einem Gespür für Freund und Feind und dem Willen zur Macht beschenkte, das war der Dichter: Günter Grass. Und der zaghafte, zögerliche, melancholische. selbstkritische, arbeitsscheue, auf jedes einzelne Wort bedachte, das war der Bundeskanzler: Willy Brandt. Sie hatten sich in West-Berlin getroffen und gingen dann bis zum Tode Brandts ein langes Stück des Wegs gemeinsam. Von der SS-Mitgliedschaft des Literaturnobelpreisträgers hat Willy Brandt nichts mehr erfahren. Der Autor ohne Mandat schreibt dem Politiker Briefe, „als wäre er sein Erziehungsberechtigter, sein Vordenker, Antreiber, Ermahner, Korrektor seines politischen Lebens“.

Willy Brandt wirkt in diesen Briefen häufig wie der Politiker

Keetenheuve in Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“.

Er hat oft einfach keine Lust. Keine Lust auf Parteitagsreden, keine Lust auf Angriffsreden. Er war eine moralische Instanz gerade auf Grund seiner Emigration, seiner untadeligen politischen Vergangenheit. Grass sprach das offen aus: „Nur Du hast Toleranz genug bewiesen, nur Du – ich spreche es offen aus – hast auf Grund Deiner politischen Vergangenheit die moralische Substanz, sie alle beim Namen zu nennen, die in ihrer Unzulänglichkeit und Arroganz gegeneinander und miteinander bereit sind, diese Stadt (i.e. Berlin, W.S.) zu zerstören.“ Grass ermunterte Brandt zu einer neuen Politik gegenüber Israel und Polen. Aber er verlangte auch, dass der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller zu seiner Nazi-Vergangenheit stehen solle.

Brandt hielt auf Distanz. Er nahm die Wahlhilfe Grass‘ an, wollte ihn aber häufig nicht treffen (Willi Winkler, SZ 7.5.13) Grass war in West-Berlin pragmatisch ganz auf Konflikt- und Gewaltvermeidung aus. Es sieht so aus, als habe er, in Zusammenarbeit mit der Polizei, einem Bischof (Kurt Scharf) und Vertretern der rebellischen Studenten ein Massaker verhindert, als die Demonstranten gegen US-amerikanische Kasernen marschieren wollten. Er hat also – nicht nur hier – auch größte politische Verdienste. Sein Verlag, der Steidl-Verlag in Göttingen, unterstreicht das mit diesem Buch.

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