Der in den „Schwarzen Heften“ zum Ausdruck gekommene Antisemitismus Martin Heideggers (1888-1976) hat viele sogar aus seiner „Gemeinde“ verstört. Die Rettungsversuche nehmen keine Ende. Unterdes verfangen sie nicht. Im Literaturarchiv in Marbach am Neckar lagern mehr als 500 Briefe aus dem Briefwechsel Heideggers mit seinem Bruder Fritz (1894-1980), der wohl des Philosophen wichtigster Gesprächspartner war. Darin wirbt Heidegger für seinen Nationalsozialismus (seit 1931), Fritz ist unentschlossener. Die Heidegger-Erben haben nunmehr eine gekürzte Veröffentlichung der Briefe erlaubt, die unter dem Titel
„Heidegger und der Antisemitismus“
erschienen sind.
Alexander Cammann und Adam Soboczynski arbeiten seit langem journalistisch an der Aufklärung über Heidegger (Die Zeit 13.10.16). Sie gelangen zu einem entschiedenen Urteil:
„Sensationell neu ist daran die ungeschminkte Selbstauskunft über die politische Gesinnung. Liest sich Heideggers Antisemitismus in den ‚Schwarzen Heften‘, einer Art Denktagebuch, noch seinsphilosophisch überhöht, zeigt er sich hier ganz direkt und unverhohlen antisemitisch. Zudem kann man in den persönlichen Briefen detailliert sehen, dass der – anders als bislang gedacht – politisch bestens informierte Freiburger Professor ein früher und leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus ist, spätestens seit 1931. Sein Engagement für Hitlers Staat inklusive NSDAP-Beitritt erweist sich somit als logische Konsequenz eines weltanschaulichen Gesinnungstäters. Keineswegs ist es die Entscheidung eines opportunistischen Karrieristen oder die ahnungslose Verirrung eines Unpolitischen, wie man jahrzehntelang zur Entlastung des Philosophen hören konnte. Auch dürfte die Annahme eines sehr eigenwilligen Nationalsozialismus Heideggers, der angeblich frei von jedem Rassismus sei, nun endgültig revidiert sein.“
Was halten wir von einer Philosophie, die so direkt in den Nationalsozialismus führt?