Es liegt hauptsächlich an uns selbst, unser Deutsch zu bewahren.

Vom Niedergang des Deutschen ist in letzter Zeit häufiger die Rede gewesen. Wohl ohne teutonisches Getöse und deutschtümelnde Beiklänge. Nun hat sich Ulrich Greiner in der „Zeit“ (1.7.2010) des Themas in der bei ihm bekannten Sachlichkeit angenommen. Die Lage sei nicht bestimmt durch die mangelnde Beherrschung des Konjunktivs oder das Schwächeln des Genitivs und nicht durch das weidlich verspottete Denglisch, „sondern ganz simpel durch die Tatsache, dass Deutsch auf den wichtigsten Gebieten des öffentlichen Lebens, in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, eine schwindende Rolle spielt. Englisch tritt an seine Stelle“. Zeitgenossen mit geringem sprachlichen Sensorium würden damit leichter zurecht kommen als jene, die Deutsch nicht allein zu Zwecken der Mitteilung benutzten, sondern als Form des Denkens und Dichtens.

Greiner führt vier Hauptpunkte auf:

1. Der Linguist Ulrich Ammon beziffere den Anteil des Deutschen auf der ganzen Welt in den Naturwissenschaften mit einem Prozent und in den Sozialwissenschaften mit sieben. Was unser Sprachgebiet angeht, so schätzt Ammon, dass 80 bis 85 Prozent der deutschen Naturwissenschaftler auf Englisch publizieren, 50 Prozent der Sozialwissenschaftler und 20 Prozent der Geisteswissenschaftler. „Für die Welt gilt: Die Wissenschaft spricht Englisch.“

2. Die Wirtschaft spricht selbstverständlich Englisch. Das führt nach Ulrich Ammon dazu, dass Wissenschaftler aus der Dritten Welt, die Deutsch gelernt haben, um in Deutschland etwas zu werden, bei Siemens etwa erfahren müssten, dass sie besser Englisch gelernt hätten.

3. Die Politik gibt das Deutsche immer mehr auf. Dies ist nicht damit zu erklären, dass Englisch die Sprache der Diplomatie ist. „In der Europäischen Union gilt Deutsch als eine der drei Arbeitssprachen, es wird aber nicht angewendet – …“ Selbst der Bundesrat will, dass in der Justiz Englisch gesprochen wird, um so die Benachteiligung deutscher Gerichte bei internationalen Wirtschaftsverfahren zu beseitigen.

4. Sämtliche Felder unserer Lebenswelt, die als modern oder zukunftsträchtig gelten, sind anglofon: Das Internet, die Computertechnik, die Konsumwelt, die Pop- und Jugendkultur. 90 Prozent der Schüler in Europa werden in Englisch unterrichtet. Die Zahl der Englischkindergärten steigt überall.

In dieser Entwicklung liegt für Greiner auch etwas Positives. Nämlich der Zug zu einer Weltsprache, welche die Verständigung erleichtere. Fast jeder Kellner in Lima, Katmandu oder Gelsenkirchen verstehe Englisch. „Der globale Handel, die internationale Politik, die Wissenschaften und auch die Künste könnten ohne diese Weltsprache nicht gedeihen.“ Der Siegeszug des Englischen verdanke sich der Macht der USA und den zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert, die dem deutschen Ansehen in der Welt schwersten Schaden zugefügt hätten. Die Vernichtungspolitik der Nazis habe zu einem Braindrain geführt.

Tatsächlich sei die Weltsprache ja nicht eigentlich das Englische, sondern eine neue Lingua franca, eine Art „Globalesisch“. „Die Engländer müssen erfahren und lernen, dass die Lingua franca nicht ihre Sprache ist, dass sie nicht ihnen gehört, sondern allen.“ Ja, es gäbe keinen Grund, die Engländer um die Dominanz ihrer Sprache zu beneiden. Diese werde sich wahrscheinlich durch den globalen Gebrauch schneller ändern als das Deutsche durch den Gebrauch des Englischen. In der Wissenschaft sei festzustellen, dass je größer eine Forschergruppe sei, um so besser die Kommunikation auf Englisch gelinge. Aber eine Umfrage zeige, dass ein Viertel der deutschen Wissenschaftler Konferenzen meide und ein Drittel Publikationsmöglichkeiten ausschlage, wenn Englisch verlangt werde. „Schweden, Bengalen und Chinesen haben gewöhnlich keine Hemmungen, sich der englischen Sprache zu bedienen, um ihre Erkenntnisse zu verbreiten. Sie begrüßen die Chance, so am internationalen Wissenschaftsbetrieb teilzunehmen.“ 

In der Literatur sei dies anscheinend ein wenig anders. Hier würden sich Sprache und Denken gegenseitig beeinflussen. Wir begäben wir uns in die Sprache hinein und wüssten nicht, wo wir am Ende herauskämen. „Das gilt für nicht wenige Felder der Geisteswissenschaften. Die Philosophie Kants, Hegels oder Heideggers wäre anders ausgefallen, hätten sie Englisch schreiben müssen.“ Dies gilt offensichtlich auch für den Journalismus, der gezwungen ist, mit und in seiner Landessprache zu arbeiten.

Der Romanist Jürgen Trabant habe sogar das Folgende betont: „Es gibt wissenschaftliche Betätigungen, die nicht sprachlos Gedachtes, Gemessenes, Gewogenes und Berechnetes als wissenschaftliche Erkenntnis erzeugen, sondern die wissenschaftliche Erkenntnis in Sprache generieren. Wissenschaftliche Arbeiten in den sogenannten Geisteswissenschaften kommen nicht so zustande, dass der Forscher sich zuerst die Ergebnisse denkt und diese dann nur noch bezeichnen und verlautbaren muss. Er schafft mit der Sprache einen völlig aus Sprache bestehenden Gegenstand.“

Und der Germanist Heinrich Detering bezieht sich darauf, dass auf norwegischen Ibsen-Tagungen nur Englisch zugelassen sei, wobei Ibsen meist aus englischen Übersetzungen zitiert werde. „Wenn die wissenschaftliche Verständigung über Ibsen den Umstand, dass dieser Dichter seine Dramen in norwegischer Sprache verfasste, für nebensächlich erklärt oder ignoriert, dann ist dem, was in irgendeinem wissenschaftlichen Sinn noch als hermeneutisch beschrieben werden kann, der Boden unter den Füßen weggezogen.“

Für Greiner liegt der zweite wahrscheinlich schwerer wiegende Verlust beim Rückgang der Muttersprache darin, dass Wissenschaftler in einer demokratischen Gesellschaft verpflichtet sind, darauf hinzuwirken, dass ihre Arbeit von einer interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden kann. Die Chancen dazu verringerten sich mit der Ausdehnung des Englischen. Es bestehe die Gefahr, dass die ohnedies nicht geringe Kluft zwischen der wissenschaftlichen Elite und dem Staatsvolk unüberbrückbar werde.

Jürgen Trabant habe kürzlich geäußert: „Während sich auf der einen Seite der gesellschaftlichen Skala ein erklecklicher Anteil der Menschen als unfähig oder unwillig erweist, in die deutsche Sprachgemeinschaft einzutreten, investiere das andere, obere Ende der Gesellschaft erhebliche Mittel und Anstrengungen in den Ausstieg aus der deutschen Sprachgemeinschaft.“ Wozu sollten Immigrantenkinder Deutsch lernen, wenn die Arbeitssprache diese Landes Englisch sei. Trabant sieht Anzeichen dafür, dass die deutsche Sprache insgesamt bedroht ist , weil sie von unten her durch das Vordringen von Dialekten und Rudimentärsprachen zurückgefrängt wird, von oben her durch das Englische.

Ulrich Greiner hält das für übertrieben. Unzweifelhaft sei aber, dass die deutsche Sprache sich schneller als je zuvor ändere. Die Frage sei, ob sich das Regelwerk des Deutschen durch die Invasion des Englischen aufweiche, bis das intuitive Verständnis dessen, was sprachlich richtig sei, gänzlich verschwinde. Das Deutsche sei aber als Sprache der geografischen Mitte immer fremden Einflüssen ausgesetzt gewesen. Und meist zu seinem Vorteil. Es werde auf die Dauer nicht ohne Folgen für das Deutsche bleiben, wenn alles, was als innovativ gälte und den Ton angäbe, anglofon geprägt sei. „Es scheint dahin zu kommen, dass sich ein rund 250 Jahre währende Epoche, als Deutsch die Sprache der besten Köpfe war, dem Ende nähert.“

Die deutsche Hochsprache habe es im 18. und 19. Jahrhundert zur Weltgeltung gebracht nicht aus politischen oder ökonomischen Gründen, sondern deshalb, „weil in ihr und mit ihr einige der bedeutendsten Werke der Literatur und der Philosophie geschrieben wurden, die bis heute internationale Wirkung haben“. Dass Teile unserer Eliten die deutsche Hochsprache nicht mehr verstehen oder sprechen, hat wenig mit Globalisierung und viel mit Wichtigtuerei und Gedankenlosigkeit zu tun. Diese Eliten sind unverantwortlich; denn der Zustand der Sprache hängt am meisten von denen ab, die Macht und Einfluss haben. Wir haben es weithin selbst in der Hand, was aus unserem Deutsch wird. Denn danach, wie wir selber Deutsch sprechen und schreiben, richten sich jene, die nach oben wollen.

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