1310: Die Wahrheit – keiner kennt sie.

Angesichts der faustdicken Lügen von Donald Trump, 81 Prozent der weißen Mordopfer in den USA seien von Schwarzen umgebracht worden, oder von Boris Johnson über die britischen Nettozahlungen an die EU drängt sich wieder einmal die Frage auf, ob Politiker und Massenmedien in jüngster Zeit vermehrt die Unwahrheit sagen. Da kann ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht nicht beruhigen, aber doch feststellen, dass es nie anders gewesen ist. Möglicherweise nehmen wir das Phänomen neuerdings aufmerksamer wahr.

Ich habe die Objektivität von Fernsehnachrichten untersucht und dabei festgestellt, dass es sie nicht gibt (W.S.: Nachrichten im Fernsehen der Bundesrepublik und der DDR. Frankfurt am Main 1981, 222 S.). Nachrichtenredakteure können sich um Objektivität bemühen, viele Quellen auswerten, die verschiedenen Meinungen „ausgewogen“ repräsentieren, uns ausführlich benachrichtigen etc. Was sie bringen, ist nicht die Wahrheit. Diese kennt keiner. Es gibt keine Instanz, die uns die Wahrheit verbürgt.

Wir sind bei der Suche nach der Wahrheit – wie bei anderen tatsächlich wichtigen Tätigkeiten auch – auf uns selber angewiesen.

Theoretisch hat das weit vorher schon Hannah Arendt geklärt. 1954 schrieb sie in ihren Ausführungen zum Thema „Philosophie und Politik“: „Es gibt kein sichtbares Erkennungszeichen, das Wahrheit von Meinung unterscheidet.“ Dies können wir nun ausführlich erfahren:

Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität. Berlin (Matthes & Seitz) 2016, 110 S.; 12 Euro.

In ihrer Sokrates-Eloge lehnt Arendt aber die Suche nach treffenden Erkenntnissen keineswegs ab. Sie erklärt nur die Schwierigkeiten dabei. Arendt zieht natürlich die Demokratie allen anderen Staatsformen vor. Sie schätzt eine lebendige, vielfältige, plurale Öffentlichkeit und unterscheidet gute Verfahren der Berichterstattung von schlechten. Und sie unterstreicht die Wichtigkeit der

Freiheit der Berichterstattung.

Danach sind Putin, Kaczynski u.a. gerade auf dem falschen Weg. Sie betreiben Propaganda.

Sokrates, dieser begnadete Rhetoriker, hatte großen Einfluss auf die Jugend. Weil sie ihn darum beneideten, verurteilten ihn die Richter in seinem Verfahren. Darin war Sokrates‘ Meinung (seine Apologie) nur eine unter mehreren. Die Wahrheit kam nicht zum Zuge. Sokrates nahm den Becher (Michel Hampe, Die Zeit 14.7.16; Andreas Zielcke, SZ 2.8.16).

Im öffentlichen Raum haben Neid, Hass und Machtinteressen ein viel größeres Gewicht als die Suche nach der Wahrheit. Gerade darum muss er so frei wie möglich organisiert sein. Wenn wenig Verlautbarungen unterdrückt werden, ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass wir keine Gefahren übersehen, weniger Fehler begehen. Auch wenn uns die Flut der Informationen gegenwärtig geradezu überrollt.

Aber selbst Hannah Arendt war noch zu idealistisch in ihrer Lagebeurteilung. Sie nahm nämlich an, dass Sokrates und seinesgleichen „wahrhaftig sprechen“, dass sie meinen, was sie sagen. Wir kennen die Heere der Propagandisten und Public- Relations-Agenten (Öffentlichkeitsarbeiter), deren einzige Aufgabe darin besteht, die Wahrheit nicht ans Tageslicht kommen zu lassen.

Desinformation ist ihr Job.

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