Heute wird Klaus-Michael Bogdal bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse mit dem Buchpreis zur europäischen Verständigung ausgezeichnet (Jens Bisky SZ 13.3.13). Sehr zu Recht für sein Buch:
Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Suhrkamp, Berlin 2011, 590 Seiten, 24,90 Euro.
Es steht in der Tradition Benedict Andersons, der mit seinem Buch
Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Campus, Frankfurt/New York 1996 (erstmals 1983), 306 Seiten,
der Forschung über Nationen den richtigen Weg gewiesen hat, das aber noch zu unbekannt ist. Anderson hatte uns im Sinne der Theorie des Konstruktivismus erklärt, dass wir es bei welcher Fundierung unserer Perspektive auch immer stets selber sind, die sich ein Bild von anderen machen. Beliebt ist ja weithin der Bezug auf „die Realität“ oder „Fakten, Fakten, Fakten“. Aber diese Beziehung beschwören hauptsächlich diejenigen, die nicht das Risiko einer eigenen Meinung eingehen wollen und lieber die Verantwortung auf „die Realität“ abschieben. Bogdals Ausgangspunkt war der Rassismus 1992 in Rostock-Lichtenhagen mit einem Ausbruch des „Furors der Verachtung“. Er hatte sich seinerzeit gerade habilitiert. Danach konzentrierte er sich auf die ca. 10 Millionen Sinti und Roma in Europa, deren Vorfahren seit dem 15. Jahrhundert hier waren. Und die sich selbst und uns stets ein Problem waren.
Christian Staas hat Bogdal für die „Zeit“ (28.2.13) interviewt:
Z: Herr Bogdal, die Romvölker sind mit mehr als zehn Millionen Menschen Europas größte Minderheit. Dennoch erregt der Hass gegen sie so gut wie keinen Protest. Woher rührt diese Blindheit gegenüber Leben und Leiden der Sinti und Roma?
B: Es bleibt ein bitterer Widerspruch: Wir Europäer beschwören gern die Menschenwürde und fordern die Anerkennung des Individuums als Rechtssubjekt. Für die Roma aber scheint uns dies noch immer nicht selbstverständlich. Schon früh wurden sie als ehrloses Volk angesehen, das keinerlei Rechte zu beanspruchen habe. Und bis heute stellen sie eine Gruppe dar, auf die sich Vernichtungsfantasien richten. Die Literatur hat uns dabei über Jahrhunderte darin eingeübt, Gewalt gegen sie für legitim zu erachten: In Nikolaus Lenaus Epos „Die Albigenser“ von 1842 etwa werden „Zigeuner“ nach einem von ihnen begangenen Kreuzfrevel samt ihren Kindern von Raben zerhackt.
Z: Wie finden solche Gewaltfantasien in heutige Köpfe? Die Literatur, die Sie in ihrer Studie „Europa erfindet die Zigeuner“ zitieren, ist schließlich kaum noch Gemeingut.
B: Mag sein. Aber die Darstellungen in den Medien heute und die populistische Rhetorik bedienen sich eben aus dem tradierten Repertoire. Die alten Feindbilder ruhen wie Schmutz am Boden unserer Gesellschaft, und der kann jederzeit aufgewirbelt werden. Der skandalöse Aufmacher der „Weltwoche“ im vergangenen Jahr ist ein Beispiel dafür.
Z: Das Titelbild zeigte ein Romakind, das mit einer Pistole auf den Betrachter zielt …
B: … darunter die Schlagzeile „Die Roma kommen.“ Damit war ein bekanntes Bedrohungsklischee aufgerufen. Nur: Die Roma „kommen“ nicht, sie leben seit 600 Jahren mitten unter uns! Trotzdem werden sie beharrlich als Barbaren diffamiert, die „von außen“ in „unsere“ Zivilisation eindringen.
Z: Ein typischer Fall von Fremdenfeindlichkeit? Oder unterscheidet sich die Zigeunerverachtung vom üblichen Ausländerhass?
B: Die europäischen Gesellschaften der Neuzeit haben zwei Typen des „Anderen“ hervorgebracht. Zum einen den Feind, der einem in Gestalt anderer Nationen gegenübertritt und mit dem man um territoriale, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie ringt. Zum anderen den Fremden, der bleibt und weder Freund ist noch Feind. Dieser „Dritte“ ist an keinem Ort zu Hause, er ist die gesichtslose Verkörperung des Anderen, ein Nichts. In diese Kategorie fallen „der Jude“ und „der Zigeuner“ als stereotype Figuren.
Z: Was unterscheidet sie voneinander?
B: Verknappt gesagt: Der Antisemitismus arbeitet sich daran ab, dass die sogenannte christlich-abendländische Gesellschaft im Judentum wurzelt. Die besitzlosen Romvölker hingegen gelten als Erscheinung der Wälder. Unter anderem weil sie keine Schriftkultur besaßen und lange Zeit nomadisch lebten, diffamierte man sie als unizivilisierte Parasiten, denen auch andere Minderheiten mit Verachtung begegneten.
Z: In der aktuellen Debatte geht es vor allem um die Roma-Einwanderung aus Osteuropa.
B: Immer wieder wurde und wird die Angst vor dem „Eindringen“ von Menschen „aus dem Osten“ evoziert. Das hat eine lange Tradition und richtete sich seit den Mongolen- und Türkenkriegen immer auch gegen die Romvölker. Im Übrigen wird deren soziale Verelendung und vermeintliche Unterentwicklung als ein Zeichen der Zurückgebliebenheit Südosteuropas gedeutet. Im Hass gegen die Roma scheint daher auch das Ressentiment gegen die „unerwünschten Nachbarn“ im Osten Europas durch.
Z: Wann tauchen die Romvölker erstmals in Europa auf?
B: Im 15 Jahrhundert. Man spekulierte damals, dass sie aus Ägypten eingewandert seien, um durch eine Pilgerfahrt für eine schwere Sünde zu büßen. Die englische Bezeichnung „gypsies“ geht darauf zurück. In Europa bildeten sich damals gerade die modernen Territorialstaaten aus, und obwohl sich viele der ominösen „Ägypter“ fest niederließen, betrachtet man sie als ortlos – eine Lebensweise, die man als einen subversiven Akt der Desintegration deutete. Die Roma befanden sich dadurch außerhalb der Ständeordnung und zählten zur Masse der „Herrenlosen“, die durch Gelegenheitsarbeiten, Betteln und Diebstahl zu überleben suchten.
Wir vergessen natürlich nicht (W.S.), dass es auch die „Zigeuner-Romantik“ gibt. Früher die „feurige Zigeunerin“ in der Bildergalerie von Warenhäusern, die Musik von Django Reinhardt oder den „Gypsie Kings“ etc. Bogdal deutet das als Kehrseite der Verachtung. In seinem Buch schildert er, dass Franz Liszt ein wunderbares Buch über die Musik der Rom schrieb, Maxim Gorki eine eindrucksvolle Erzählung. In Spanien beschäftigten sich Komponisten wie Manuel de Falla mit der Musik und Schriftsteller wie Federico Garcia Lorca mit der Kultur der „gitanos“.
Für Bogdal sind es drei Veränderungen, auf die wir vielleicht hoffen dürfen:
1. die Existenz von Organisationen unterschiedlicher Rom-Gruppen, die sich politisch für ihre Ziele einsetzen,
2. im öffentlichen Raum ein stärkeres Bewusstsein für die Lage von Minderheiten,
3. die rechtlichen Regelungen innerhalb der EU, welche die Rom gleichstellen.
Ich halte die Lage für ziemlich aussichtslos und die Probleme für ziemlich unlösbar. Denn die Einwanderer aus Rumänien, Bulgarien und der Slowakei sind ja da in deutschen Großstädten, auch wenn anscheinend noch keiner weiß, wie viele. Roma-Kritiker wie Istvan Forgacs aus Ungarn, der selbst Rom ist, verweisen u.a. darauf, dass die Rom sich nicht nur als Opfer verstehen dürften, wenn ihre Lage sich bessern soll. Er appelliert an die Rom-Community, bestimmte Missstände selbst abzustellen. Etwa gegen gewalttätige junge Männer vorzugehen (Alice Bota „Die Zeit“ 28.2.13). „Warum sammeln die Roma irgendeines Dorfes nicht den Müll in ihrer Siedlung auf, um zu zeigen, dass sie sich kümmern? Warum bauen sie nicht einen Spielplatz, anstatt darauf zu warten, dass der Bürgermeister einen baut? Warum schützen sie den, der Ärger macht und seine Gemeinschaft diskreditiert?“
Dürfen wir diese Fragen stellen?