Der Autor Martin Amis gehört zu den scharfzüngigsten englischen Autoren der Gegenwart. Seine satirische Schärfe ist gefürchtet. Nach der britischen Entscheidung über den
Brexit
hat Peter Kümmel ihn für die „Zeit“ (21.7.16) befragt.
Über die USA: Der Abstieg findet schon statt, … Spätestens 2025 wird China mächtiger sein – ökonomisch und mit allem, was daran hängt. Und ich glaube nicht, dass die Amerikaner sich so vernünftig benehmen werden, wie die Engländer es taten. … England wurde ein zweitklassiges Land, und das ohne Gebrüll, Gekicke, Theater. …
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Über den Postrassismus der Briten: Es kommt natürlich darauf an, in welchem Teil von London Sie sind. Je reicher die Gegend, desto weniger scheren sich die Leute um die Frage, welcher Rasse einer anbgehört. … Amerika wurde reich dadurch, dass man die Schwarzen dazu zwang, auf dem Land zu arbeiten, das man den Indianern gestohlen hatte.
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Über die deutschen Eigenschaften, die zum Holocaust führten: … Eine gewisse Buchstabengläubigkeit, die Bereitschaft zur strengen Auslegung von Text und Befehl. Das war nötig, um alle europäischen Juden, elf Millionen, umbringen zu wollen. … Es war ein humorloses Projekt, völlig unironisch und sehr autoritätsgläubig, das Projekt tiefer Antiintellektualität. Und das, obwohl Deutschland das exemplarische Land der Intellektuellen ist.
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Über den Brexit: Der Brexit ist ein Ausbruch krankhafter ‚Englishness‘, britischen Stolzes. Er steht für einen Isolationismus, der mir vollständig unpraktizierbar und weltfremd erscheint. Eigentlich geht es den EU-Gegnern um die Globalisierung, die ist ihr Feind, davor fürchten sie sich, nicht vor Europa.
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Über die Attentate von Brüssel, Paris, Istanbul, Nizza: Joseph Conrad schrieb 1908 in seinem Roman ‚Der Geheimagent‘, die beiden Hauptcharakterzüge, die zum Terrorismus führten, seien
Eitelkeit und Faulheit.
Er hat recht. Wenn Sie eitel sind, haben sie den Drang, auf die Welt großen Eindruck zu machen. Wenn Sie faul sind, haben Sie nicht die Geduld und Kraft, dieses Ziel auf einem seriösen Weg zu erreichen und 30 Jahre dafür zu investieren. Also jagt man sich in die Luft und hofft, Spuren zu hinterlassen. Atta, der Städteplaner aus Kairo, hat sich in gewisser Weise unsterblich gemacht. Nicht indem er gebaut, sondern indem er zerstört hat.