1931 erschien bei Rowohlt Gabriele Tergits Roman
Käsebier erobert den Kurfürstendamm.
2016 erlebt er seine Wiederauflage (Frankfurt am Main, 400 Seiten, 24,95 Euro). Gabriele Tergit war das Pseudonym der Journalistin Elise Hirschmann, die 1894 in Berlin geboren worden war. Sie arbeitete früh für Zeitungen. Seinerzeit beherrschten drei Verlagshäuser die Szene:
Ullstein, Mosse und Scherl.
Darüber wäre sehr vieles zu sagen. Gabriele Tergit jedenfalls arbeitete für das
Berliner Tageblatt,
das bei Mosse erschien (vgl. W.S.: Rudolf Mosse 1843-1920. In: Heinz-Dietrich Fischer /Hrsg./: Deutsche Presseverleger des 18. bis 20. Jahrhunderts. Pullach bei München 1975, S. 204-213). Die Nazis hassten sie und überfielen 1933 ihre Berliner Wohnung. Gabriele Tergit floh über Prag und Palästina nach London, wo sie 1982 starb (Jens Bisky, SZ 2./3.4.16).
In nur sechs Wochen soll die Journalistin den Roman geschrieben haben, der von den Erfahrungen der Reporterin lebt, vom genauen Blick auf Details, darauf, was die Wohnungseinrichtung über Menschen erzählt, wie einer mit Taxifahrern umgeht, wie man sich Liebesdinge schönredet. Der Roman war so plastisch und wirklichkeitssatt, dass er wenig ausgedacht wirkte. „Tergit erzählt von denen, die glauben, am großen Rad zu drehen, die zu den besseren Kreisen sich zählen, und dabei erfahren, dass sie ihr Ich viel zu wichtig nehmen, …“ Der Roman ist das Zeitbild einer Stadtgesellschaft, die ins Rutschen gekommen ist. Die Diagnose teilt er mit
Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) und
Erich Kästners „Fabian“ (1931).